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Copyright alle Bilder: Teatro Verdi di Trieste

www.teatroverdi-trieste.com/

 


DON GIOVANNI

Premiere 30.10.15

Bericht von der Generalptrobe

Das Teatro Verdi in Triest – ein „klassisches“ italienisches Opernhaus, mächtig im Zentrum der Stadt gelegen, ein Logentheater in Rot und Gold aus dem Jahre 1801. Der Wiener Gast wundert sich, als die ersten Töne erklingen und zweifelsfrei kundtun: Das ist nicht die Ouvertüre von „Don Giovanni“. Ein paar Takte später erkennt man es: Das ist die italienische Hymne (schließlich hört man sie ja in der Formel 1, wenn Ferrari wieder einmal gewonnen hat, also in letzter Zeit nicht so oft, aber im Ohr hat man sie doch) – und auch die wenigen Personen, die das Glück haben, zur Generalprobe zugelassen zu sein, erheben sich brav und erweisen dem Vaterland Reverenz.

Don Giovanni Triest Tischgesellschaft

Das Teatro Verdi (das immerhin aufzwei Uraufführungen des Meisters zurückblickt, den „Corsaro“ und den „Stiffelio“ – das schöne Verdi-Denkmal der Stadt steht allerdings in einiger Entfernung von dem Opernhaus) eröffnet seine diesjährige Saison mit „Don Giovanni“, eine für Wiener sehr ansprechende Aufführung, und das in jeder Hinsicht. Zwar scheint es anfangs, als würde RegisseurAllex Aguilera hier vor allem in einem geschickten Bühnenbild von Philippine Ordinaire (die Kostüme William Orlandi bieten quasi „Mozart-Zeit auf spanisch“) auf soliden Ablauf setzen: Die gleich bleibende Szene ist ein großer Hof, auf drei Seiten von hohen Mauern umschlossen, mit allerlei Statuen bestückt. Davor schieben sich gelegentlich hohe Gitter oder auch Hauswände – das alte, immer wirkungsvolle Prinzip von Vorderbühne und Hinterbühne ermöglicht schnelle Verwandlung mit geringem Aufwand, ohne die Stimmung zu verleugnen. Die Szene kann immer alles sein, eine Bude wird aufgeschlagen, schon ist man im Wirthaus, und am Ende sehen wir Don Giovanni an einer langen Tafel zwischen zehn Damen, wo er sich in einer wahren „Tischgesellschaft“ vermutlich in eine Orgie zechen will… bevor das Jenseits anklopft.

Die Höllenfahrt, die trotz einiger Rauchentwicklung so tragisch nicht ist und nicht sein soll, wird später relativiert, denn Aguilera hat sich gerade für das Finale einiges einfallen lassen: Unser selbstgerechtes Sextett am Ende, das dem „dissoluto punito“, dem bestraften Wüstling, nachsingt, lässt sich selbst schnell an der Tafel nieder und würde sich nicht weiter um die Vergangenheit scheren – als sich über ihnen ein Fenster öffnet und ein vergnügter Giovanni, natürlich eine Frau im Arm, herunterwinkt: Der Kerl ist nicht tot zu kriegen.

Es ist auch, bei aller Solidität der Regie, die sich keine unerklärbaren, gegen das Stück gerichteten Drehungen und Wendungen erlaubt, eine durch die beiden Hauptdarsteller interessante Aufführung. „Nicht-Regietheater“ stellt ja für die Sänger eine weit größere Herausforderung dar, da es allein ihre Persönlichkeiten sind, die das Original spannend machen (oder auch nicht). In diesem Fall ist Nicola Ulivieri (den man zwar, allerdings vor einem Dutzend Jahren, bei den Salzburger Festspielen erleben konnte – im Kusej-Netrebko-Giovanni als Leporello -, aber noch nie in Wien) ein Don Giovanni von geradezu strahlend-unbeschwerter Frechheit. Gar nicht hintergründig, dämonisch oder geheimnisvoll oder wie man ihn sonst noch gern interpretiert. Diese Figur ist unbelastet einfach der reiche, noch jugendlich wirkende Mann, der keine Gesetze und Schranken kennt und sich geradezu fröhlich seinen Frauengeschichten hingibt – mit schönem, vollen Bariton, gut aussehend, meist unwiderstehlich. Solche Männer gibt es. „Schurken“, denen man nicht böse sein kann.

Nicht immer gelingt es den Leporellos, gleichwertig neben ihrem Herrn zu stehen, aber Carlo Lepore hat damit keine Schwierigkeiten – gerade, weil er kein zappelndes junges Bürschchen ist, kein verschmitzt lustiger Diener mit den üblichen Lazzi, sondern ein gestandener Mann, ganz offensichtlich mit seinen eigenen Erfahrungen: Bei der Registerarie geniert er sich nicht, Elvira – um es auf „Neudeutsch“ zu sagen – regelrecht „anzumachen“, und wenn Giovanni dann mit ihm die Kleider tauscht, geht er mit vollem Elan in die Verführerrolle hinein. Mit einer Stimme, die es mit der seines Herrn durchaus aufnehmen kann, agieren die beiden quasi im Duett und auf Augenhöhe. Das gibt dem Abend seinen eigenen Schwung.

Unter den Damen ist es Raffaella Lupinacci, sonst im Mezzo-Fach unterwegs, die als Donna Elvira am stärksten überzeugt, keine zankende Transuse, sondern ein echtes Temperament mit schöner Stimme und guter Technik.

Die Technik steht auch der Spanierin Raquel Lojendio hörbar zur Verfügung, die Koloraturen der zweiten großen Donna Anna-Arie sind nicht immer so exakt zu hören wie hier, allerdings schleicht sich in den Glanz der Höhen auch immer wieder Schärfe ein, die allerdings in die Dramatik der Figur quasi „einzubauen“ ist.

Was die Zerlina der Diletta Rizzo Marin betrifft (die Gustav Kuhn immer wieder einmal nach Erl holt), so könnte sie gut und gern schon eine Elvira singen, für die Zerlina fehlt es der Stimme an Leichtigkeit und Süße. Dafür spielt sie ein wirkliches Luderchen, das sich sehr schnell für den schönen, reichen großen Herren entschließt und dann praktischerweise wieder zu ihrem Masetto (Gianpiero Ruggeri, ein braver Bauer) zurückkehrt: Schüchtern ist die Dame nicht.

Bleibt neben dem Komtur des Andrea Comelli, dessen erster Auftritt in langem weißen Nachthemd mit Zipfelhaube dennoch nicht lächerlich wirkt (und seine Bedrohlichkeit donnert er brav), noch der Don Ottavio des Portugiesen Luis Gomes zu nennen: Er ist im Young Arists Programm von Covent Garden mit Nebenrollen herangewachsen und probiert nun große Rollen anderswo: Die Technik ist – sowohl für die Piani der ersten Arie wie für die schön gesteigerte Dramatik der zweiten – fabelhaft, leider schleicht sich immer wieder etwas Gequetschtes in die Stimme.

Was dem Abend den ultimativen Schliff verlieh, war die musikalische Leitung durch Gianluigi Gelmetti, heuer 70 geworden, den nicht nur sein aus dem Orchestergraben hervorleuchtender weißer Haarschopf als Altmeister ausweist (der das Dirigieren einst bei Swarowsky und Celibidache gelernt hat): Er weiß, wie Mozart geht, wie das Orchester mit den Sängern atmen muss, und dass man das Tempo immer am Laufen halten muss – da gab es wahrlich keinen Durchhänger, ohne dass die Peitsche geschwungen worden wäre.

Ein gelungener Mozart. „Regie-Fans“ werden die Nase rümpfen, weil’s letzten Endes ja doch „konventionell“ war. Aber es war mehr als das. Es war ein „Don Giovanni“, den man mit so viel Lust und Laune gesehen hat, wie er hier geboten wurde.

Renate Wagner 31.10.15

Bilder Theatro Verdi

 

 

TOSCA

14.5.2013

Museales Ambiente aus 1900

Was würden wohl die bedingungslosen Anhänger des „modernen Regietheaters“ oder die absoluten Gegner einer historischen Aufführungspraxis sagen, wenn sie so eine Aufführung von Giacomo Puccinis „Tosca“ erleben würden, wie diese am Teatro Verdi in Triest?

Es war damals 1903, als dieser heute so populäre Verismo-Edelreißer erstmalig in Triest aufgeführt wurde, drei Jahre nach seiner Uraufführung in Rom. Es ist jetzt 2013, also exakt 110 Jahre danach. Man gedachte seitens der Intendanz an dieses Ereignis, indem man die komplette Ausstattung der römischen Uraufführung, die Adolf Hohenstein genau nach den Vorgaben im Libretto erdacht hatte, nachbauen ließ. Und so schuf Ettore Rondelli beinahe originalgetreu den wuchtigen Innenraum der römischen Kirche Sant’ Andrea della Valle, den prunkvollen Raum des bösartigen Polizeichefs Scarpia samt schwerem Mobiliar im Palazzo Farnese sowie die Plattform der Engelsburg mit einem weiten Blick auf das alte Rom inklusive Petersdom und Vatikan wie auch einen Himmel, wo tatsächlich immer wieder die Sterne blitzten.

Es ist jetzt Giulio Ciabbati, dem am Teatro Verdi so etwas wie die Rolle eines Haus- und Hofregisseurs zufällt, die Aufgabe zugefallen, diese historische Kulisse mit entsprechendem Leben zu erfüllen: In erster Linie sieht der Opernfreund viel Ästhetik fürs Auge, denn die Bilder sind beeindruckend, was auch den prachtvollen, historischen Kostüme zu verdanken ist. Die Bilder bleiben jedoch meist statische Arrangements mit viel Rampentheater davor. Ciabatti weiß jedoch worauf es ankommt und kann in seiner urtraditionellen, absolut librettokonformen Inszenierung die Schlüsselszenen durchaus mit großen Gefühlen und Spannungen erfüllen, wobei man aber auch hier schon vieles weitaus mitreißender und packender gesehen hat.

Dabei hätten die Sänger durchaus noch weit mehr darstellerisches Potenzial, das ungenützt bleibt, denn einige von ihnen hat man schon in anderen Produktionen erlebt. Sängerisch lässt sich nicht viel herummäkeln, denn Alexia Voulgaridou singt die gefeierte Sängerin Floria Tosca mit großen Gefühlen und reich an Fassetten. Allerdings hat der Opernfreund ihre bekannte Arie „Vissi d’arte“ schon inniger und verzweifelter gehört. Und auch Alejandro Roy lässt als Cavaradossi die Sterne in seiner populären Arie, an der kein Tenor dieses Faches vorbeikommt, blitzen. Der Spanier verfügt über ein schlankes, makelloses Tenormaterial mit scheinbar mühe- und grenzenlosen Spitzentönen. Roberto Frontali ist für die Rolle des Scarpia beinahe zu nobel timbriert und könnte durchaus noch böser und gemeiner agieren. Weiters gefallen neben dem sehr homogenen Chor des Opernhauses noch Gabriele Sagona als kerniger Angelotti sowie Paolo Rumetz als Mesner.

Ein „alter Hase“ am Pult ist Donato Renzetti, der die Oper im linken Finger hat. Leider verfällt der italienische Maestro allzu oft in mittelmäßige Routine. Allerdings kann er sehr wohl, bei den Schlüsselszenen im Orchester des Teatro Verdi Subtilität wie auch das Feuer der Emotionen und der packenden Dramatik entfachen.

Die italienischen Opernfreunde sind jedenfalls rundum zufrieden und begeistert. Es ist eine Tosca Produktion –übrigens die 19. seit der Erstaufführung hier, die genau den Gusto des Publikum trifft, weswegen sie auch vehement bejubelt wird.  

Helmut Christian Mayer                             Bilder: Parenzan Visual Art TS

 

 

 

 

Gastspiel des Theaters Triest in Pordenone

LA BOHÈME

Vorstellung am 18.05.2012

Immer wieder gibt es erfreuliche Überraschungen – und das in der sogenannten italienischen „Provinz“!

Beim Studium der Termine des Teatro Verdi Trieste stellt der Opernfreund fest, dass es nicht allzu weit von Triest ein zweites Teatro Giuseppe Verdi gibt – und zwar in der friulanischen Kleinstadt Pordenone, die man vor allem wegen ihrer malerischen historischen Altstadt mit Dom, herrlichem gotischen Palazzo Communale und den in Laubengängen sich öffnenden Häusern der Gotik, der Renaissance und des Barocks mit freskengeschmückten Fassaden kennt. Als kulturinteressierter Österreicher – Pordenone bildete immerhin vom 10. bis zum 16.Jahrhundert eine österreichische Enklave – ist man sofort entschlossen, diesem Teatro Verdi in Pordenone einen Besuch abzustatten. Und dann kommt eine weitere Überraschung: In Pordenone gibt es seit 2005 ein modernes, architektonisch bemerkenswertes Theater mit fast 1000 Plätzen – siehe dazu: Teatro und siehe die beiden Fotos, die gerade erst in diesen Tagen bei einem Gastspiel der Berliner Symphoniker gemacht und mir für diesen Bericht zur Verfügung gestellt wurden:

Copyright: Luca D’Agostino-Phocus Agency, teatro Verdi, Pordenone

Das Teatro Communale Giuseppe Verdi Pordenone hat ein reiches und vielfältiges Jahresprogramm mit Theater, Ballett, Orchesterkonzerten und gastierenden Opernproduktionen – siehe: cartellone

Sehr erfreulich auch die Akzeptanz durch das lokale Publikum und die Auslastung des Hauses: In der Saison 2011/ 12 waren es bis einschließlich März bereits 47.670 Besucherinnen und Besucher! Ich erlebte ein Gastspiel des Teatro Giuseppe Verdi di Trieste im Teatro Giuseppe Verdi di Pordenone. Die Produktion in der Regie von Elisabetta Brutta und in den Bühnenbildern des Teatro Regio di Parma hatte am 13.April ihre umjubelte Premiere in Triest gehabt und ist nun auf Tournee – nach Udine eben nun in Pordenone.

Alle Produktionsbilder: Fondazione Teatro Lirico "Giuseppe Verdi" - Trieste,Parenzan- Visualart TS

Und es erwies sich, dass eine völlig traditionelle Inszenierung mit liebevoller Personenführung berühren kann und gar nicht verstaubt wirkt, wenn überzeugende Sängerpersönlichkeiten auf der Bühne stehen und der Dirigent stilbewußt führt.

Dieser „maestro concertatore e direttore“ war an diesem Abend Donato Renzetti, der heute zweifellos zu den erfahrensten italienischen Opernkapellmeistern zählt. Er verstand es, stets die richtigen Akzente zu setzen, wunderbare Rubati, Crescendi und Decrescendi dem gut disponiertem Orchester zu entlocken und die Sänger wahrhaft zu tragen und auch im Forte nie zuzudecken. Das war großartige italienische Operntradition!

Die junge Rossana Potenza (siehe: Rossana_Potenza ) hatte unter Renzetti schon an mehreren Häusern die Mimi verkörpert – und sie überzeugte mich an diesem Abend uneingeschränkt. Sie war keine vordergründig strahlende Diva, sondern ein berührend einfaches Mädchen mit warmer, in allen Lagen ausgewogener Stimme und uneitler Körpersprache. Mit Recht hatte sie am Schluß den größten Beifall.

Ihr Rodolfo war der Franzose Jean Francois Borras – auch er stellte eine durch und durch überzeugende Figur auf diie Bühne. Ich hatte ihn in dieser Rolle schon vor knapp zwei Jahren einmal gehört. Seither hat er seine Legatokultur erfreulich weiterentwickelt – bombensichere Spitzentöne werden nicht als Selbstzweck präsentiert, sondern sehr schön in die Gesangslinie eingebunden. Der Albaner  Gezim Myshketa hat mit seinen erst dreißig Jahren wahrhaft „una voce ricca“ – dunkel-timbriert mit kernigen Höhen. Nur einige wenige Male forcierte er unnötig – und dann klang die Stimme flach. Aber er ist zweifellos auf dem Wege zu einer großen Karriere.

Die überaus erfahrene Daniela Mazzucato ergänzt als Musetta gekonnt und gebührend effektvoll. Der Bassist Dario Russo - aus dem Opernchor von Catania hervorgegangen – zeigt als Colline prächtiges Material, das noch weiter zu kultivieren sein wird. Einzig der Schaunard von Massimiliano Gagliardo fiel ein wenig ab – zu hart und zu wenig fundiert klang sein Bariton. Die kleinen Rollen sind durchwegs adäquat besetzt. Der Chor (samt Kinderchor) zeigte sich spielfreudig und klangschön.

 Es war ein uneingeschränkt zu genießender Puccini-Abend – ganz aus der natürlichen Emotion heraus auf hohem Niveau interpretiert und vom vollen Haus dankbar aufgenommen. Um also zum Anfang dieses Berichts zurückzukommen: Die italienische „Provinz“ hat sich an diesem Abend von ihrer allerbesten Seite gezeigt – und das in einem wunderschönen modernen Theatergebäude mit ausgezeichneter Akustik!

Es empfiehlt sich, die weiteren Opernpläne Pordenones zu verfolgen – im nächsten Jahr ist dem Vernehmen nach ein „Barbiere di Siviglia“. Pordenone im Friaul ist zweifellos einen Besuch wert!

Hermann Becke

 

Und ganz zum Schluß noch etwas anderes:

Versäumen Sie nicht, durch die wunderbare friulanische Bergwelt zu wandern. Und wenn Sie dies tun wollen, dann kommen Sie nicht an folgender wunderbarer Homepage vorbei: http://www.sentierinatura.it/ . Und wenn Sie schon nicht wandern, dann schauen Sie zumindest die prachtvollen Panoramaaufnahmen an !

 

 

 

 

 

LA BATTAGLIA DI LEGNANO

Premiere am 25.2.2012 im Teatro Verdi von Triest

Triest hat eine große Verdi-Tradition: Hier fanden die Uraufführungen von Il Corsaro (1848) und Stiffelio (1850 unter Verdis Leitung und mit Giuseppina Strepponi) statt – beides Werke, die Verdi für Triest geschrieben hat. Damals (es gab 12 Theater in Triest!) hieß das Haus noch Teatro Nuovo bzw. Teatro Grande – es wurde 1901 wenige Tage nach dem Tode von Verdi in „Teatro Giuseppe Verdi“ umbenannt.

Es ist ein prachtvolles Gebäude, errichtet vom Italiener Gian Antonio Selva (von ihm stammt das La Fenice in Venedig) und vom deutschen Matthäus Pertsch (der massgeblich Triests Stadtbild im 19.Jahrhundert mit einer Reihe von Gebäuden mitgestaltete). Es zählt mit seiner an der Mailänder Scala orientierten Fassade zu den schönsten klassizistischen Bauten Triests. Das Haus wurde 1801 mit „Ginevra di Scozia“ des bayrischen Komponisten Johann Simon Mayr eröffnet und hat rund 1400 Plätze in fünf Rängen. Und natürlich ist das Haus und sein Repertoire ein Bild der Geschichte Triests. Von 1382 bis 1918 gehörte Triest zum österreichischen Habsburgerreich – es ist eine Stadt im „Grenzbereich der Kulturen“, wie es der Triestiner Claudio Magris einmal ausgedrückt hat. Das findet auch seinen Niederschlag auf der Homepage des heutigen Teatro Verdi, wo es über die Geschichte des Hauses heißt:

 „Das Theater wurde zum Symbol der italienischen Kultur dieser Stadt, indem es die italienische Musikkultur in die benachbarten deutschen und slawischen Gebiete ausstrahlte, aber gleichzeitig Interpret des kosmopolitischen Triests blieb und dem Publikum die Werke der mitteleuropäischen Komponisten vermittelte.“

Wie geht nun ein Haus mit diesem kulturellen Erbe um, wenn ein Risorgimento-Werk Verdis auf den Spielplan gesetzt wird ?

„La Battaglia di Legnano“ ist Verdis Beitrag zu den Freiheitskämpfen. „Es gibt und kann auch keine andere Musik geben, als die, die 1848 dem italienischen Ohr teuer ist: Die Musik der Kanonen!“ schwärmte Verdi in einem Brief an Piave im April 1848, bevor er nach Paris reiste und mit der Komposition von „La Battaglia di Legnano“ begann. Das Werk wurde 1849 mit demonstativem Erfolg 1849 in Rom uraufgeführt – und ist wohl eine in Musik gesetzte politische Flugschrift und Verdis einzige explizit politische Oper. Sie handelt vom Sieg des lombardischen Städtebundes über das Heer des deutschen Kaisers Friedrichs I.“Barbarossa“ in der historischen Schlacht von Legnano (1176)

Der Regisseur dieser Koproduktion dreier angesehener Opernhäuser (Triest, Rom und Barcelona) ist Ruggero Capuccio. Er schreibt zu seinem Inszenierungskonzept: „Legnano ist das Paradigma der Völker, die ihr eigenes historisches Erbteil verteidigen - dort, wo das Fremde, der Imperialismus, die wirtschaftliche Globalisierungsstrategie auf den Stolz eines Volkes trifft, dort ist Legnano.“ Siehe dazu: teatroverditrieste_comunicato

In seinem Konzept spielt das Stück in einem Museumsdepot – die Bühnenbilder stammen von Carlo Savi. Meisterwerke der bildenden Kunst sind in diesem Depot „getrennt von den Augen der Welt“ und betreut von einigen wenigen Statisten, offenbar Restauratoren.

Das Volk – der über sechzigköpfige Chor singt mit prächtiger Stimmgewalt, aber nicht immer präzise – steckt in Kleidung des 19.Jahrhunderts, die Figuren des Stückes tragen Kostüme aus der Zeit der Handlung. Es entstehen schöne Bilder, aber es gibt keinerlei Aktion und es fehlt jegliche Personenführung, die die Protagonisten in einen dramatischen Bezug bringt. Das Schlußbild erstarrt zum Gemälde, um das sich ein goldener Rahmen schließt. Was hat doch Stefan Herheim aus der Museumsidee in seiner Carmen-Inszenierung an lebendigem Theater herausgeholt ! Bei Capuccio bleibt es bei einem lesenswerten Artikel im Programmheft mit Zitaten von Sigmund Freud, Italo Calvino und Marcel Proust. – auf der Bühne bleibt alles statisch. Die Ideen finden keine theatralische Umsetzung - schade! Szenenfotos siehe:

teatroverditrieste_fotos

Die Besetzung ist solide: Der argentinische Bariton Leonardo Lopez Linares ist ein erfahrener Sänger mit durchaus eindrucksvollen Spitzentönen, leider fehlt ein wenig die lyrische Breite in der Mittellage. (Wie wunderbar vereinte beides der damals erst 27jährige Rolando Panerai auf den beiden auch heute noch als CD verfügbaren Aufnahmen aus dem Jahre 1951!)

Die griechische, in München ausgebildete Sopranistin Dimitra Theodossiou ist offenbar ein Liebling des Triestiner Publikums – Blumenregen und Brava-Rufen am Ende bezeugen dies. Sie hat wohl ihren stimmlichen Zenit bereits überschritten, überzeugt aber mit sehr schönen (manchmal allzu maniriert eingesetzten) Pianophrasen. Die dramatischen Ausbrüche leiden unter einem deutlichen Tremolo. Der schlanke Tenor von Andrew Richards gefiel mir am besten. Auch er ist in ersten Rollen an den großen europäischen Bühnen erprobt – ihm gelingen sehr schöne lyrische Phrasen.  Unter den Nebenrollen fallen der mächtige Bass von Enrico Giuseppe Iori als Barbarossa und der sauber geführte Mezzo von Sharon Pierfederici positiv auf.

Das Orchester leitet der kanadische Maestro Boris Brott – solide, aber mit zu wenig federndem Verdi-Brio, das gerade bei einer derart statischen Inszenierung erfrischt hätte. Was in Italien immer auffällt: Chor und Orchester sind wirklich rein italienisch besetzt – im Programmheft sind alle Namen angeführt – das garantiert jedenfalls Italianita

Alles in allem: eine durchaus hörenswerte Begegnung mit einem Verdi-Werk, das im deutschen Sprachraum kaum aufgeführt wird.

Hermann Becke

 

PS:

Kulinarische Hinweise sind gerade bei einem Italienbesuch auch für den Opernfreund durchaus angezeigt:

Photo: Becke

Genießen Sie die herrlichen Fischgerichte – z.B. entweder exzellent, aber preislich gehoben in der Antica Trattoria Le Barettine oder fahren Sie mit einem kleinen Linienschiff etwa eine halbe Stunde über den Golf von Triest in die entzückende kleine, venezianisch anmutende Hafenstadt Muggia und essen Sie dort ebenso exzellent, aber preislich wesentlich günstiger in der Trattoria Ai Due Leoni

 

 

 

 

 

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