Wallenstein
Die Theater Gera und
Altenburg leisten beträchtliches. Immer bemüht verschollene Werke auf den
Spielplan zu setzen, wurden sie dieses
Jahr bei Jaromir Weinberger fündig.
Seine letzte Oper war
„Wallenstein“ nach Schiller. Am 18.11. 1937 hatte sie in Wien Premiere,
verschwand aber auf Druck der braunen Machthaber, frühzeitig aus dem Programm.
Knapp ein Jahr später gelang Weinberger seine Flucht aus Europa nach Amerika.
Er starb durch eigene Hand am 8. August 1967.
Wallenstein, jenes
Großwerk Schillers, zu einer Oper um zu gestalten scheint unmöglich. Dennoch
gelang es Weinberger, indem er aus den drei Wallensteinabenden eine
scherenschnittartige „Revue“ in sechs Bildern umgestaltet.
Mathias Oldag und seine
Ausstatter Thomas Gruber (Bühne) und Nikolaus Rümmler (Kostüm) lassen diesen
Wallenstein „light“ in einem Bunker spielen. Kondenswasser bedeckt den Boden,
auf dem sich das Geschehen abspielt. Wallenstein steht auf dem Höhepunkt seiner
Macht. Durch geschicktes Taktieren betreibt er den Krieg auf eigene Rechnung.
Seine Vergütung durch den Kaiser besteht in Immobilien. Durch seinen Staat im
Staat gerät er in den Focus von Neidern, sein Stern sinkt.
Für seine Söldner stellt
sich die Situation anders dar, durch jahrelangen Krieg sind sie verroht, bar
jeder Menschlichkeit. Und genau das stellt Oldag auch auf Bühne dar, in
ästhetisch kalten Bildern wird gemordet und vergewaltigt.
Teruhilo Komori ist schon
zu Beginn ein eher schwacher Mann, die Geschehnisse des Abends ziehen eher Rückblick
an ihm vorüber. Sein warmer Bariton glänzt im 2. Akt beim „Schuld“- Monolog
ebenso wie in den temperamentvollen Ausbrüchen gegen Ende. Nico Wouterse ist
ihm als Gegenspieler Octavio Piccolomini ein ebenbürtiger Gegenspieler.
Franziska Rauch, Thekla, und Vincent Wolfsteiner, Max Piccolomini, sind ein
tragisches, Wohl tönendes Paar, das nicht zusammenfinden darf. Elvira Dreßen
unterstützt mit klug gesetzten schrillen Tönen ihre Rolleninterpretation der
eher zwielichtigen Gräfin Terzky. Olaf Plassa gab den Buttler mit sängerischer
und schauspielerischer Präzision. Erwähnenswert auch der kurze Auftritt
Marie-Luise Dreßens als Vergewaltigungsopfer im ersten Akt.
Oldag zeigt in seiner
Deutung die Schrecken des Krieges, die Unmöglichkeit der Liebe in politisch
unsicheren Zeiten. Besonders beängstigend ist die Szene mit der Rekrutierung
der Kindersoldaten. Der Chor unter Nikolaus Müller, so gut wie immer in
Gera-Altenburg, dient der Regie und verstärkt so den mehr als positiven
Gesamteindruck des Abends. Jens Troester nimmt die Partitur sehr ernst. Der
Spätromantiker Weinberger klingt zwar häufig nach Wagner, Korngold und den
beiden Sträußen, Operettenhafte Melodieläufe wechseln mit strammen
Marschrhythmen, allen voran der „Pappenheimer“. Das klingt alles frisch und
originell, auch für die abgeklärte Nachkriegsgeneration, die mit dieser Musik
oft wenig anfangen kann. Einungewöhnlicher Abend ging mit tosendem Applaus für
Sänger, Orchester und Regieteam zu Ende.
Alexander Hauer
Die Schändung der Lukrezia
Drei junge Soldaten beim
Saufen. So lässt Matthias Oldag im Bühnenbild von Thomas Gruber die Oper
starten. Zwischen Bomben und Tarnnetzen redet man über die Frauen und ihre
Untreue. Einzig die von Collantinus, überragend Martin Häßler, den Jungen
sollte man im Auge und im Ohr behalten, Lukrezia, soll treu sein. Das kann sich
Tarquinius, der Prinz von Rom, seines Zeichens der Platzhirsch, nicht
vorstellen. Ein schneller Ritt nach Rom, ein schneller Besuch bei Lukrezia, die
Verführung gelingt, oder gelingt nicht und endet deshalb in einer
Vergewaltigung, oder Lukrezia bildet sich diese Verführung/ Vergewaltigung nur
ein, in Brittens zweiter Fassung, bleibt dies alles etwas unschlüssig. Fakt ist
am Ende ist Lukrezia tot, obwohl ihr Mann ihre „Schuld“ vergibt.
Brittens Werk aus dem Jahr
1946 ist ein musikalisches Kleinod, das sich nicht direkt offenbart. Zu
sperrig, zu ungewohnt für unsere Hörgewohnheiten kommt das Stück daher. Auch
die Handlung erobert sich nicht direkt die Herzen. Die Heldin ist keine
Butterfly, keine Violetta bei der man direkt bereit ist mit zu leiden.
Trotzdem gelingt es
Regieprofi Matthias Oldag das Stück über seine Untiefen zu führen. Aber nicht
nur seine, stramm an der Musik und am Libretto haftende, Inszenierung, auch die
ausgewogene musikalische Leitung durch Jens Troester macht aus der
Nachkriegsoper einen unvergesslichen Abend.
Das junge Ensemble
überzeugt genauso. Birger Radde gelingt der Balanceakt seinem Tarquinius Tiefe
und Zartheit zu verleihen. Er reitet ja nicht nach Rom, um Lukrezia zu
vergewaltigen sondern um ihre Keuschheit zu testen. Zusammen mit Solgerd Isalv
als Lukrezia gelingt eine der innigsten und doch brutalsten Szenen der
Opernliteratur. Fritz Freilhaber und Bianca Koch, Erzähler, agieren als
griechischer Chor. Sie kommentieren das Geschehen, ziehen Rückschlüsse und
verwiesen dann auf die christliche Erlösung.
Alexandra Büchel als naive
Lucia und Christina Bock als Bianca geben die beiden gegensätzlichen
Dienerinnen Lukrezias.
Nach Lukrezias Freitod
führen Collantinuns und Junius, Sindre Øgaard, das
Volk von Rom in eine Revolution. Und genau darin lieg dann die Tragik dieser
Oper, Der Tod der Heldin spielt keine Rolle mehr.
Trotz, oder
besser wegen der kargen Ausstattung, die volle Konzentration auf das
Wesentliche garantierte, aber vor allen Dingen wegen der musikalischen Leistung
des Orchesters und dem durchweg hervorragendem jungem Ensemble wurde die
Saisoneröffnung der Geraer Oper zu einem begeistert beklatschten Abend .
Alexander
Hauer
DER SCHARLATAN
Heimatklänge? Heimatklänge!
PR 6.2.
Pavel Haas’ Leben endete viel zu früh. Zusammen mit Viktor
Ullmann wurde er in Auschwitz ermordet.
Bei der Wiederentdeckung seiner Oper Scharlatan als Wiedergutmachung zu
sprechen, würde ihm doppeltes Unrecht antun. Sein Werk, geprägt von Janacek und
Strawinsky, mit vielen Jazzelementen versehen, ist schlicht und ergreifend:
GUT.
Umso verwunderlicher ist es, dass es solange gedauert hat,
bis die Musikwelt dieses Werk wieder in das Bewusstsein des Operngängers
brachte. Verwunderlich auch, dass ausgerechnet gerade die kleinen Stadt- und
Landestheater bei diesen Entdeckungen in vorderer Reihe stehen.
Umso erfreulicher, dass der Scharlatan nun endlich seinen
Weg in die deutschen Theater gefunden hat.
Haas’ Oper ist eine musikalische Reminiszenz an das Leben
des barocken Wunderarztes Eisenbarths. Eisenbarth, bei uns eigentlich nur noch
durch das Studentensauflied in Erinnerung, war eine Koryphäe in seiner Zeit.
Sein Wirken als Chirurg, in einer Zeit in der Ärzte eigentlich nur als innere
Mediziner auftraten, war sensationell. Mit seinem Tross zog er von Stadt zu
Stadt, von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, quer durch das mittlere Deutschland. Er
behandelte Adel und Bürger und hinterlegte immer einen Wanderplan, für Fans und
Beschwerden.
Doch wieder zur Oper. Jens Troester gibt zusammen mit dem
Philharmonischen Orchester die Folie für die scherenschnittartige
Eisenbarthshow. Die Bühne ist ein ständig gewandeltes Bild, die Kostüme dominieren
in den Farben Weiß, Rot und Blau.
Dominierend in der Sängerriege ist Andreas Scheibner als
Gast. In seiner Rolle als Eisenbarth ist er fast zwei Stunden ständig auf der
Bühne. Sein gepflegter Bariton klingt nie angestrengt, sein Spiel, der Untergang
des Eisenbarths, ist beeindruckend. Aber sein Gegenspieler Joachimus, seine
beiden Frauen, die eifersüchtige Ehegattin Rosina, Franziska Rauch, und die
Geliebte Amaranta, Katrin Strocka,
liegen auf gleichem Level.
Das bis in kleinsten Nebenrollen hervorragende Ensemble
gibt ein geschlossen gutes Bild ab.
Die Inszenierung ist ein bunter Bilderbogen des barocken
Lebens. Haylers Ausstattung ist plakativ und bis auf zwei Ausnahmen stets
stilsicher. Die beiden Ausnahen sind, sicherlich ein Hinweis auf das traurige
Schicksal des Komponisten, einmal der goldene Davidstern auf dem Mantel
Eisenbarths und dann die Flügel der Mühle im zweiten Akt. ein stilisiertes
Hakenkreuz, mit Klingen als Querbalken.
Kay Kuntze führt sein Ensemble flott, aber präzise durch
die Oper. Seine Personenführung gibt dem Ensemble Raum zur Entfaltung, seine
Soziogramme sind eindeutig, die Beziehungen der Einzelnen untereinander werden
glasklar gezeichnet.
Für mich war die Wiederentdeckung dieses Werkes einer der
Höhepunkte dieser Saison. Eine Oper, die endlich den Weg auf deutsche Bühnen
geschafft hat, und die hoffentlich viele Häuser, auch durchaus größere, finde,
die sie nachspielen.
Für diese Inszenierung gebührt neben dem überragenden
Ensemble, dem Regieteam, dem Chor und dem Orchester, auch der Intendanz Dank für den Mut dieses unbekannte Stück auf den
Spielplan zu stellen.
Alexander Hauer