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 4. NDR Klassik Open Air

 

„Rigoletto“

mit Eventcharakter in Hannover

Besuchte Vorstellung: 22.07.2017

 

Lieber Opernfreund-Freund,

zum 4. Mal bereits fand am Wochenende das NDR Klassik Open Air statt, das eingebettet zwischen Hannovers Neuem Rathaus und dem Maschteich auch in diesem Jahr wieder zum stimmungsvollen Event wurde. Die Aufführung wurde auch von über 20000 Hannoveraner im Maschpark auf zwei Großleinwänden verfolgt, die den Abend dank des gnädigen Wettergottes für ein operngerechtes Picknick, teils auf Decken, teils an mit weißer Tischwäsche und Kandelaber eingedeckten Tischen nutzen und so den Abend regelrecht zelebrieren konnten.

Das Neue Rathaus ist ein wilhelminischer Bau, zwischen 1901 und 1913 errichtet, und erinnert eher an ein Schloss als an eine Stadtverwaltung. Seine Fassade wird derzeit renoviert und man hatte im Vorfeld diskutiert, ob das Gerüst für den Opernabend entfernt werden müsse, um die festliche Atmosphäre nicht zu beeinträchtigen. Stattdessen entschied man sich, das Baugerüst in die Lichtkonzeption einzubeziehen und es mit mehr als 20 Kronleuchtern zu verzieren. Dieser Coup ist mehr als gelungen und das in wechselnden Farben angestrahlte erhabene Gebäude funkelte förmlich am vergangenen Samstag.

Die halbszenisch angelegte Inszenierung von Michael Valentin bezieht auch die Wege zwischen den Stuhlreihen und den Bühnenrand mit ein, versucht sich aber gar nicht erst an einer tiefgründigen psychologischen Deutung des Werkes, sondern bebildert lediglich die Geschichte um den verkrüppelten Narren und seine unglücklich verliebte Tochter . Im Hier und Heute lässt Valentin die Protagonisten agieren, setzt sie auf weiße Designersofas und steckt sie in schicke zeitgemäße Garderobe. Doch die konventionelle Lesart kann dank kurzweiliger Personenregie dennoch überzeugen, lediglich bezügliche der Lichtregie auf der Bühne hätte ich mir – angesichts des wahren Feuerwerks rundherum – ein wenig mehr Raffinesse gewünscht.

Keine Wünsche offen lässt die künstlerische Seite des Abends. Keri-Lynn Wilson leitet wie in den Vorjahren die glänzend disponierte NDR Radiophilharmonie und präsentiert mit dem engagiert Festivalchor Hannover, der hinter dem Orchester postiert ist, ein geschmeidiges Dirigat wie aus einem Guss. Von den zarten Flötenklängen, die das „Caro nome“ begleiten, bis hin zur aufwühlenden Gewitterszene präsentiert die Kanadierin zusammen mit den Musikerinnen und Musikern Verdi at his best. Unterstützt wird sie dabei von einer durchweg hochkarätigen Sängerriege, der das Vater-Tochter-Gespann vorsteht. Ludovic Tézier ist ein erfahrener Rigoletto-Darsteller und leuchtet alle Facetten der Rolle aus, bewegt in Rigolettos Ausbrüchen ebenso sehr wie in seiner Verzweiflung und agiert dabei ebenso glaubhaft und überzeugend wie Nadine Sierra, die seine Tochter Gilda mimt. Der seelenvolle Sopran der jungen Amerikanerin verfügt über eine warme Mittellage und feinste Höhe, die Nadine Sierra scheinbar ebenso mühelos erklimmt, wie sie die schwierigen Koloraturen meistert. Brava! Stephen Costello stattet seinen Charakter mit schlankem, höhensicherem Tenor aus, singt die berühmte Arie im Schlussakt beinahe im Vorbeigehen und ist so ein veritabler Herzog. Franz Hawlata muss sich als Sparafucile erst frei singen, überzeugt jedoch im vierten Akt vollends durch seinen profunden Bass. Von den zahlreichen kleineren Rollen, die durchweg keinerlei Anlass zur Klage geben, sei stellvertretend der exzellente Monterone von Martin-Jan Nijhof genannt, der furchteinflößende Flüche ausstößt. Aber auch der warme Mezzo von Varduhi Abrahamyan als Maddalena und Yajie Zhang, die mit gefühlvollem Alt die Giovanna gibt, haben mich tief beeindruckt.

Die rund 2000 Zuschauer im Publikum sind ebenfalls begeistert, auch aus dem Park schwappt enthusiastischer Applaus über den Maschteich. Zu Recht! Eine künstlerisch hochkarätige Leistung, eingerahmt in stimmungsvolle Atmosphäre – und das an einem lauen Sommerabend… Mehr kann ein Opernfreund sich zum Abschluss einer Spielzeit nicht wünschen! Falls Sie also einmal schauen möchten: Die Aufführung wurde zeitversetzt im NDR-Fernsehen übertragen und ist noch ein ganzes Jahr online abrufbar unter ndr.de/klassikopenair

Ich wünsche Ihnen, lieber Opernfreund-Freund, einen schönen Sommer und verabschiede mich in die Spielzeitpause.

Ihr Jochen Rüth / 24.07.2017

Fotos:  A. Spiering (Produktion) und P. von Ditfurth (Maschpark) © NDR

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