Alle Konzertkritiken sind von EGON BEZOLD
Jugend musiziert
20.05.13

Sensibles partnerschaftliches Spiel
An Kunstfertigkeit lassen es die Interpreten im Begrüßungskonzert zum 50. Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ in der Meistersingerhalle fürwahr nicht fehlen. Nach Grußworten von Martin Maria Krüger vom Deutschen Musikrat und Ursula Adamski-Störmer (Studio Franken des BR) -„die Bildungspolitik möge den Schülern doch mehr Zeit zum Musizieren gewähren“- hebt Christoph Poppen am Pult des Münchner Rundfunkorchesters den Taktstock zu Mozarts „Haffner-Sinfonie“ KV 385. Da gelingt leider kein Löcken wider den Stachel eines reinen apollinischen Mozart-Verständnisses – Mozart mit Zopf, einer von der aalglatten Sorte. Schade, dass seine Musik oft genug in philharmonischer Großbesetzung wie ein gesichtsloses No-Name-Produkt abgespult wird. Umso spannungsvoller geraten die solistischen Dialoge, die die sensibel geigende Antje Weithaas und alle Feinheiten des Violaspiels meisterlich beherrschende Tabea Zimmermann vorführen. Diese Ausnahmekünstler wissen sehr wohl, wie mit Mozart in der „Sinfonia Concertante“ KV 364 umzugehen ist. Im Andante erweist sich das mit bruchlosem Zusammenspiel exzellierende Duo als Anbeter des schönen Klangs. Mit klanglichen Schattierungen und pfeilschnell laufenden Skalen gewährt dieser musikalische Edelstein ungetrübte Ohrenlust. Dazu steuert das gut eingestellte Münchner Rundfunkorchester klangschöne Begleitharmonie bei.
Keine Frage, dass die solistische Dreierbesetzung in Beethovens Tripelkonzert op. 56 ein hohes Maß an künstlerischer Übereinstimmung verlangt. Ein kniffliger Brocken, dem man weder im Konzertsaal noch auf Tonträgern selten in einer wünschenswert ausgewogenen Balance begegnet. Denn hier operiert Beethoven mit musikalischen Themen und Themenfragmenten, die in wechselnden Kombinationen auf die Soloinstrumente verteilt, die Abläufe permanent verändern. Ein partnerschaftliches Spiel ist hier unabdingbar. Kammermusikalisch fein austariert, gibt Antje Weithaas den Geigenpart, während Gustav Rivinius mit ausdrucksvollem Cellospiel imponiert. Erfreulich, dass Igor Levit der dünnblütig geratenen Vorlage des Klavierparts artikulationskräftig entgegen steuert. Ohne Spannungsabfall, ohne einkomponierte Risse glatt zu überspielen, führt das Team die musikalische Konversation. So unterbleiben auch die sonst hörbaren heroisch auftrumpfenden knalligen Gesten im Kopfsatz. Beherzt springen die Interpreten ins Finale, wo die Dialoge mit dem Klavier und der zündende Polonaisen-Schwung zu einem einigermaßen abgerundeten Gesamtbild verschmelzen. An dieser hochrangigen Interpretation hatte das erfreulich stark verjüngte Publikum seine helle Freude. Freilich: Restlos glücklich werden wohl nur die Hörer des Bayerischen Rundfunks sein, denen das Glück winkt, mit einer Wiedergabe im Surround Format 5.1 ein musikalisches Gleichgewicht dieser so heiklen Komposition zu erleben. Solches kann die an akustischen Tücken so reiche Meistersingerhalle live niemals gewähren.
„Musik ist nicht Sahne auf der Torte, sondern die Hefe im Teig‘‘, heißt es in den Grußworten. Bleibt nur zu hoffen, dass die dynamischen Triebkräfte den musikalischen Kuchen auch richtig befeuern.
Photo: Erich Malter

Quirliges Figurenwerk mit Paul Meyer
16.5.13
Es ist das erwärmende, leuchtende Timbre, das den Zauber des deutschen Klarinettenspiels ausmacht, vor allem wenn Könner ihr Instrument an die Lippen setzen wie es ein Berufsleben lang beispielhaft der Berliner Philharmoniker Karl Leister oder in der Nachfolge der jetzt in die Dirigenten-Karriere überaus erfolgreich einrückende Karlheinz Steffens praktizierten. In der deutschen Orchesterlandschaft ist ausnahmslos die „deutsche Klarinette“ etabliert. Versuche von Dirigenten, hier Änderungen einzuführen (wie das Claudio Abbado bei den Berliner Philharmonikern versuchte), blieben erfolglos. Alleine Rafael Kubelik war es, der seinerzeit den „Böhm-Klarinettisten“ beim Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks favorisierte. Der vor kurzem verstorbene Dirigent Colin Davis, Kubeliks Nachfolger, kommentierte die klangästhetische Konstellationen des Klarinetten-Systems beim BR so: „Wenn Igor Strawinsky oder Modernes auf dem Programm steht, dann bevorzuge ich schon der Spritzigkeit, der Schlankheit des Klangs wegen, den ersten Klarinettisten Eduard Brunner. Anders in der klassischen Literatur, wenn W.A. Mozart, Anton Bruckner, Johannes Brahms dran sind. Dann ist mehr der deutsche Klang des alternativ die Soli der ersten Klarinette blasenden Klarinettisten Gerd Starke“ lieber“.
Im letzten Meisterkonzert stellte ein waschechter „Böhm-Klarinettist“ seine Künste unter Beweis: Paul Meyer, der auch das dirigentische Ruder am Pult der Philharmonia Prag führt. Mit einem bläserischen Juwel, Mozarts „Konzert für Klarinette und Orchester“ KV 622, breitet er die Palette seiner instrumentalen Möglichkeiten aus. Was der „Böhm‘sche Klang“ gegenüber dem deutschen System an Leuchtkraft und Wärme einbüßt, kann das luftige Klangbild, das schlanke Spiel, kompensieren. Da staunt man schon, wie quirlig Meyer die Figuren aus seinem Rohr zu zaubern versteht. Erste Sahne ist seine Kunst der Staccato-Eleganz. Gebietet der virtuos zupackende elsässische Virtuose aber auch über einen leuchtenden Goldton? In den mittleren Registern und beim Abstieg in den Keller der Töne beindruckt die Substanz gewiss. Doch der Diskant nimmt eine dem Instrument adäquat spitze Tönung an. Zudem lässt Meyer sich im Adagio auch zu einem regelrechten Kult der Nuancen verführen. In eine große Hetzjagd treibt er schlussendlich das tänzerisch inspirierte Rondo Allegro. So wirbelig muntermachend alles daherkommt - die hintergründig latent vorhandene leise Melancholie des Finalsatzes bleibt der Solist aber doch schuldig. Die Prager Philharmonie erweist sich als inspirierender Dialogpartner.
Geschenke aus der Heimat führen die Prager im Tournee-Gepäck: Drei Legenden op.59 von Antonín Dvoràk werden in ihrer Eigenart prägnant gezeichnet, mit deftigem rhythmischen Pfeffer bestreut ohne das slawischen Element übertrieben zu parfümieren.
Schließlich gewinnt Franz Schuberts sechste Sinfonie dank aufmerksamer Zeichengebung an musikalisch-dramatischer Geschlossenheit. Das 1818 komponierte Werk lebt von der Begegnung mit Rossini und dem damals ausgebrochenen Rossini-Fieber. Die Prager garantieren eine geschliffene, in den Laufketten und melodischen Seligkeiten elegante, in den Tutti-Schlägen zackig realisierte Wiedergabe. Originell erweist sich auch der Beginn des Konzertes: Ouvertüre zur Oper „L’Olimpiade“ des Tonkünstlers böhmischer Herkunft, Joseph Myslivecek. Der übte starken Einfluss auf Mozart aus, was hier Stimmführung, Motivik und Behandlung der Instrumente auf verblüffende Weise offenbaren.
Spangernberg-Klarinettenabend
Rares von Max Reger

Es ist schon so: geschätzt wird er, respektiert, und trotzdem schlagen die tonangebenden Interpreten, auch die Kammermusiker, einen Bogen um den Oberpfälzer. Die Rede ist von Max Reger. Deftig, bajuwarisch, auftrumpfend geht es in seiner Sprache zu. Vorurteile kursieren über ihn zuhauf. Viele urteilen in unzutreffender Pauschalität über den „wilhelminischen Kontrapunktiker“, mäkeln über das nervende modulatorische Getriebe, bezichtigen ihn neubarocker Geschwätzigkeit. Es stimmt zuversichtlich, dass der Klarinettist Martin Spangenberg (am Flügel der sensibel hellhörig begleitende Stephan Kiefer) im Privatmusikverein Perspektiven öffnet, die einen vorurteilsfreien Umgang mit der Regerschen Kammermusik ermöglichen. Größtes Vorbild für den Komponisten war zweifelsohne Johannes Brahms. Besonders deutlich wird das in Regers Klarinettensonaten op. 49,1 und 2. Zur Einstimmung in den Abend gab es die Nummer eins in As-Dur – ein in der Stimmung gelöste Schöpfung, die auch das häusliche Glück (Adoption der Kinder Christa und Lotti) spiegelt. Akkurat pflegt das Team den musikalischen Exkurs, zieht klangschöne Ausdrucksregister und beschwört einen geschmeidigen Musizierstil. Fein gesponnene Webkünste halten das Werk in nervös gespannter Bewegung. Ein sympathischer Viersätzer, makellos interpretiert in den kunstreich geführten Stimmen. Das Kennenlernen dieses voller Charme und feinem Humor lohnt sich.
Was Martin Spangenberg mit der ersten Sonate op. 120 von Johannes Brahms an kammermusikalischem Zauber inszeniert, verdient großes Lob. Die Wärme des Wohllauts, die zugleich Tiefe signalisiert, dazu eine subtile Melancholie verleihen der Komposition einen eigentümlichen Reiz. Brahms wird mit viel Ausdrucksvermögen, mit rundem Ton, geschmeidigen Legati und Agilität im Laufwerk ausgelotet. In jeder Beziehung eine kammermusikalische Erbauung, ein echt lebendiger, leuchtender Brahms, gespielt mit viel Leidenschaft und flexibler Tonkultur.
Geschwätzig, augenzwinkernd charmant gebaut, erweist sich „Tema con variazioni“ von Jean Francaix als eine kecke Spielmusik, die mit frecher Ironie gewürzt wird. Um schlitzohrige Effekte war der französische Komponist ja nie verlegen. Das Team Spangenberg/Kiefer widmet sich der gewitzten Ausdrucksskala mit Schwung und Stil.
Claude Debussys Rhapsodie für Klarinette und Klavier, komponiert als studentisches Teststück für Prüfungen, wird mit lichtem Klang, sorgfältig sprechender Artikulation und schönen Abmischungen dargeboten. „Eines meiner angenehmster Stücke die ich je geschrieben habe“ urteilte Debussy. So mag man es auch dank Spangenbergs feinfühliger Klangkünste empfunden haben.
MAREK JANOWSKI
& RSO Berlin
21.4.13
Felix Broede (c)
Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin erwarb sich in der Ära Marek Janowski den Ruf eines first class Klangkörpers. Gastspiele in internationalen Konzertsälen haben diesen Ruf wiederholt bestätigt, wobei das Ensemble unter seinem bienenfleißigen Chefdirigenten mit den konzertant aufgenommenen Opern von Richard Wagner Furore machte. In der Hoertnagel Konzertreihe in der Meistersingerhalle waren die Meriten dieser Truppe zu bewundern: virtuose, mit erwärmendem Timbre spielende Streicher, fabelhaft phrasierende Holzbläser und ein schlank und gelenkig auftretendes Blech. Diese orchestrale Einheit verfügt über genügend Kraftreserven, um allen Anforderungen gerecht zu werden. So streng beim Auftrittsbeifall der Gesichtsausdruck von Marek Janowski dem Publikum gegenüber auch immer erscheinen mag, so faszinierend wirken die von ihm in Szene gesetzten Klangüberraschungen. Souverän führt er den Stab in Beethovens groß besetzter siebter Sinfonie A-Dur op. 92. Die zieht diszipliniert koordiniert mit flotten Reisegeschwindigkeiten ihre Bahn. Bei dieser geradlinig aufgezogenen Vorwärtsstrategie wirkt alles trefflich austariert: Beethoven-Glut im markig aufbrausenden Brio der muskulös geformten Tutti. Befreit von jeglicher pathetischen Schwere tönt das Allegretto. Im trunkenen Wirbeltanz des Finales, diesem wilden Rausch der Rhythmik, erfüllt die Berliner Elitetruppe alle Wünsche ihres Dirigenten. Diese fabelhafte instrumentale Kunstfertigkeit in allen Ehren – ein Paavo Järvi, John Eliot Gardiner oder Riccardo Chailly vermögen der Siebten allerdings mehr schillernde Variabilität zu entbinden, und dies bei modern besetztem Orchester.

(c) Kai Bienert
Vor der Pause entführt die immer gern gesehene Arabella Steinbacher (32) in das Wunderkabinett ihrer supremen Kunst des Geigenspiels. Butterweich zeichnet sie die instrumentalen Linien, verabreicht kulinarische Klangdrogen im Andante und versteht es mitreißend, die sommernächtlichen Geister im Finale von Felix Mendelssohns Violinkonzert op. 64 springlebendig zu wecken. Mit vielgestufter Ausdrucksskala spannende Geschichten zu erzählen, das geht ihr glänzend von ihrer Stradivari Booth-Violine. Diesem Elitesound der Solistin antwortet das Orchester mit geschmeidig geformten Kommentaren. Dank für die begeisterte Zustimmung mit dem ersten Satz aus Sergey Prokofievs Solosonate.
(c) Henry Fair
Zum Entrée gelingen Janowski mit den Berlinern subtil ausgehörte, kunstvoll von Brahms auskomponierte „Haydn Variationen“ op. 56 a. Farbige Kombinationen von Holzbläsern und Streichern faszinieren im heiteren Wechselspiel der fünften Variation.
Egon Bezold
Pressekonferenz
SAISONVORSCHAU 13/14
Edles aus der Meistersingerhalle
Elf Meisterkonzerte der Konzertdirektion Georg Hörtnagel in der Meistersingerhalle Nürnberg in der Saison 2013/2014 folgen in erster Linie den Traumstraßen des klassisch-romantischen Repertoires. Leider werden nur am Rande die Reviere der zeitgenössischen Musik berührt. Wenigstens setzen die Münchner Philhamoniker mit Juraj Valcuha einen klassisch-modernen Kontrapunkt mit Béla Bartóks Balletsuite „Der wunderbare Mandarin“ op. 19. Rudolf Buchbinder lässt sich mit George Gershwins „Ein Amerikaner in Paris“ hören (28.04.14). Ansonsten spielen Orchester von Rang ihre „Best of Classics-Trümpfe“ aus. So sagt sich die Dresdner Philharmonie mit Richard Wagners Vorspiel zu „Tristan und Isolde“ und Peter Tschaikowskys sechster Sinfonie h-Moll op. 74 „Pathétique“ an. Dazu reicht die zum inneren Kreis der Solisten von Georg Hörtnagel gehörende Geigerin Arabella Steinbacher die Violindroge in g-Moll von Max Bruch (16.5.14). Mit dem Gastspiel der Russischen Nationalphilharmonie (24.3.14) dürfte man ganz auf der Welle der Zuhörer liegen, und zwar mit dem Showpiece Antonín Dvoráks Sinfonie „Aus der neuen Welt“ und dem ersten Klavierkonzert fis-Moll von Sergei Rachmaninoff. Den Solopart spielt der Perfektionsfanatiker Nikolai Tokarev (24.03.14). Und ein weiteres Mal ist der Romantiker Rachmaninoff zu hören. Diesmal aus den Klavierhänden von Nikolai Lugansky im zweiten Klavierkonzert op.18, begleitet von den Petersburger Philharmonikern. Am Pult lenkt Yuri Temirkanov, der die Funken sprühen lässt im bitterbösen Stalinportrait, der Sinfonie e-Moll op. 93 von Dmitri Schostakowitsch (17.09.13). A propos Rachmaninoff. Der steht in der Tat im Zyklus der Meisterkonzerte hoch im Kurs, wenn Boris Berzovsky in die Tasten greift, um das sog. „Elefantenkonzert“ (Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll) zu stemmen. Dazu gibt es ein Rarität von César Franck, das Poème symphonique „Psyché“ - daraus den vierten Satz „Psyche et Eros“, der in seiner Innigkeit an die langsamen Sätze von Anton Bruckner gemahnt. Schade, dass das Orchestre National de Belgique nicht weiter der Welle französischer Musik folgt. Dafür dürfen die Zuhörer in der Meistersingerhalle sich von der Sprengkraft von Ludwig van Beethovens „Eroica“, fesseln lassen. Andrey Boreyko steht am Pult des belgischen Orchesters am 2.12.13.
Wie ein aus China stammender Klangkörper, das Shanghai Symphony Orchestra, es mit der Wucht und dem aufbrausenden Brio von Peter Tschaikowskys Fünfter hält, dafür wird Long Yu das Stöckchen schwingen. Ray Chen darf dem rassigen Violinkonzert von Peter Tschaikowsky die rattenfängerischen Qualitäten entbinden, während Yanjun Huas „Moon Reflected on the Erquan Fontain“ die Zuhörer ins Reich naturhaft chinesischer Magie entführen soll (14.01.14).
Am Konzerthimmel leuchten wieder die Sterne berühmter Solisten: Rudolf Buchbinder kommt im Recital (23.10.13) mit zwei Sonaten von Ludwig van Beethoven (Nr.3 C-Dur aus op. 2 und „Appassionata“ f-Moll op.57). Franz Schuberts große Klaviersonate B-Dur D 960 bildet das grandiose Finalstück. Ein Stelldichein mit dem Geigenstar Anne-Sophie Mutter ist im Sonatenabend (mit Lambert Orkis) Beethovens „Kreutzer-Sonate“ und Mozarts e-Moll Sonate KV 304 gewidmet. Weiterhin hört man vom Ex-Gatten der Geigerin - André Previn - seine hierzulande wohl kaum bekannte zweite Violinsonate (21.05.14).
Schließlich kommen auch die Freunde von kleineren Besetzungen für Kammerorchester auf ihre Rechnung. So hört man von dem aus Polen stammenden Ensemble „Sinfonia Varsovia“ nicht nur das Klavierkonzert Nr. 4 d-Moll op. 70 des ukrainischen Pianisten, Komponisten und Gründer des ersten russischen Konservatoriums Anton Rubinstein. Vertreten ist auch der innovativ analytisch denkende Komponist Witold Lutoslawski mit einer „Ouvertüre für Streichorchester“ – eine Ehrung des mathematisch die Notenfeder führenden Komponisten, der seinen 100. Geburtstag hätte feiern können (8.10.13). Immer gerne gesehen ist die Academy of St. Martin-in-the-Fields, diesmal am Pult und solistisch betreut vom Harfenisten Xavier de Maistre.(6.02.14). Was wäre eine „Georg Hörtnagel Konzertdirektion“ ohne Heimspiel des Windsbacher Knabenchors? Das findet am 17.12.13 statt mit den Kantaten 1-3 und 6 von Johann Sebastian Bach.
Münchner Philharmoniker
28.04.13
Zwiespältige Endzeitstimmung
Lieben Sie Brahms? Da würde der Perfektionist Arcadi Volodos sicher über das ganze Gesicht strahlen. Denn er spielte im Meisterkonzert das B-Dur Klavierkonzert op. 83 energiegeladen, spannend bis zur letzten Note, und dies mit dem Bewusstsein eines großen gestalterischen Bogens. So bedingen sich in der viersätzigen Klaviersinfonie wechselseitig Poesie und Konstruktion, Klangaura und Lineatur. Alles ist auf einen gemeinsamen Nenner gebracht – Johannes Brahms, der Fortschrittliche und der Traditionalist wie ihn einst Arnold Schönberg (der nach der Pause zu Wort kam) prägnant charakterisierte. Was sich in den weiten Lagen des unwirschen Kopfsatzes ereignet, all die technischen Hürden, werden untadelig gemeistert, die Verschachtelung der Triller ebenso wie das akkordische Auftürmen. Mitunter spielt Volodos sehr frei, gönnt sich gelegentliche Verlangsamungen, agogische Dehnungen und zögerliche Artikulation. Betörende Kantabilität des Solocellos von Michael Hell signalisiert die Melodie „Immer leiser wird mein Schlummer“ – fast zum Dahinschluchzen, aber beileibe nicht im Sinne einer sentimentalen Ballade. Christoph Eschenbach und die Münchner Philharmoniker sekundieren aufmerksam, folgen reaktionsschnell dem Solisten, wenn er bravourös zum Sprint ansetzt. Eine Klasse für sich sind Soli des ersten Hornisten. Für die überzeugende Emotionalität wird Arcadi Volodos mit Beifall überschüttet.
Mitten hinein in die zwiespältige Endzeitstimmung des Fin de siècle, in die Zeit des Umbruchs und der Neuorientierung, führt Arnold Schönbergs Tondichtung „Pelléas et Mélisande“ – 1905 uraufgeführt, eine echte Blüte der Jugendstilzeit. Der Komponist steht hier mehr oder weniger auf dem festen Boden der Tonalität. Er kleidet in dieser sinfonischen Dichtung nach dem Drama von Maurice Maeterlinck zentrale Szenen in genau umrissene Einheiten, wobei Leitmotive wie die Charakterisierung der drei Hauptpersonen, das Schicksalsmotiv, das Eifersuchtsmotiv oder Mélisandes Liebeserwachen kunstreich miteinander verkettet werden.
Christoph Eschenbach, der Routinier am Pult der Münchner Philharmoniker, erweist sich als Maestro der großen Linie, der blühenden Details, als ein Musiker des vollbrüstigen, vitalen und sinnlichen Klangs, der es glänzend versteht, in dieser märchenhaft dissonanten mystischen Traumwelt Stimmungen und Charaktere musikalisch nachzumalen. Rückhaltlos bringt die Wiedergabe die Erregungszustände zur Sprache. Die exzellent vorbereiteten Philharmoniker machen hörbar, wie Schönberg die Tonalität bis an die Grenzen ihrer Tragfähigkeit ausschreitet und wie an einer Schnittstelle traditionelles und avantgardistisches Komponieren aufeinander treffen. Das gilt besonders für das Sterbegemach der Mélisande, wo der Orgelpunkt der Harfen, die Terzgänge der Flöten und der Choral der Blechbläser die seelische Stimmung der Jahrhundertwende reflektieren. Dankbarer Beifall für ein Werk, dem man nicht alle Tage begegnet.
Konzert Sokolov Beethoven...
15.3.2013
Begeisterndes Spiel
Ein Charismatiker am Klavier machte seine Aufwartung in der Meistersingerhalle: der zweiundsechzigjährige russische Pianist Grigory Sokolov. Dem konnte die Verheizungsmaschinerie für Supertalente wohl nichts anhaben. Bedächtig ging es bergauf, und konsequent arbeitete er sich in die Starrolle hinein. Das gelingt mit einer umwerfenden technischen Bravour und supremer Erzählkunst. Nach kurzer Verbeugung geht es im abgedunkelten Saal zielsicher zur Sache. Ein wenig umgibt ihn die Aura eines magischen Erzählers, eines von der pianistischen Kunst Besessenen. Sokolov hält auf kluge Weise Maß in der Zahl seiner Auftritte, tourt jeweils in der Saison mit nur einem Programm durch die Konzertsäle. Und wie hält er es mit der Kammermusik? Die Suche nach geeigneten Partnern nimmt seiner Meinung nach viel zu viel Zeit in Anspruch. Und Dialoge mit Orchesterbegleitung zu führen? Dafür reiche es bei nur zwei Proben zum Einstudieren wohl kaum. Mittlerweile konzentriert sich Sokolov auf Solorezitals.
Kräftig mit der Pranke langt Sokolov in der Hammerklaviersonate op. 106 von Ludwig van Beethoven zu, so dass die Schroffheiten und die Macht der Tonsprache mit unerbittlicher Konsequenz zur Geltung kommen. Trotz der dynamischen Eruptionen die das Beethovensche Monstrum einem Interpreten abverlangt, bleiben Sokolov aber so viele Reserven, um das Adagio bis hin zum verdämmernden Ende schattierungsreich und die Oberstimmen wie herausgemeißelt auszuformen. Wie man Musik zum Sprechen bringt, wird schließlich skrupulös mit grenzwertigen Tempi analytisch glasklar durchstrukturiert und stets überschaubar im Fugenfinale vorgeführt.
Vor der Pause öffnet das Klaviergenie die Ohren für die Schubertsche Seelenlandschaft. In den ein wenig abgegriffenen vier „Impromptus“ D 899 gibt es weder übernuancierten Ausdruck, noch freizügigen Umgang mit agogischen Rückungen. Auch wenn der Diskant kräftig pointiert wird, widerfährt dem temporeich genommenen Es-Dur Impromptu viel Liebe zum Detail. Treffend geben auch drei Klavierstücke D 946 Auskunft über Sokolovs bildhafte Imaginationen. Dazu gehören im dritten Klavierstück vibrierende Ausdrucksenergien, während die langsamen lyrischen Passagen in entrückter Innigkeit keinesfalls in entsagungsvolles Gesäusel abdriften. Schlussendlich wurden aber die drei skizzenhaften Stücke zu einer lang währenden Hörerfahrung. Hätte eine späte Sonate nicht spannungsreicher in die emotionalen Abgründe des Tragikers Schubert geführt? Bravi für den Pianisten, der sich mit drei Zugaben, Brahms Intermezzo und Piècen von Jean- Philippe Rameau, bei den Zuhörern bedankte.
LE SACRE DU PRINTEMPS
Sacre Wumm schockt wieder
Igor Strawinsky Sacre du printemps
Alexander Shelley, Kirill Gernstein, Nürnberger Symphonike
24.2.13
Igor Strawinskys Skandal-Stück „Sacre du printemps“ schockt immer noch, auch einhundert Jahre nach der skandalumwitterten Uraufführung. Um den Sacre-Wumm kümmerten sich jetzt die Nürnberger Symphoniker in der Meistersingerhalle. Man dürfe nicht interpretieren, sondern lediglich „ausführen“ urteilte Strawinsky über seine Werke. Dieser Vorstellung kommt Alexander Shelley ziemlich nahe. Schon das eröffnende fabelhaft geblasene Fagott-Solo und all die strapaziösen Passagen des Blechs lässt der Dirigent mit straff rhythmisiertem Ausdruck blasen. Der emotionale Aufruhr wird dynamisch bis zum Anschlag dargeboten, während die ruhevollen Piano-Episoden (Einleitung zum zweiten Teil), wo Strawinsky die Partituren von Debussy verinnerlicht hat, viel mehr Farben vertragen hätten. Da war zu spüren, dass den Holzbläsern eben nicht die ganze Klangskala zum Ausleuchten der Mittelstimmen zur Verfügung steht. Und Hand aufs Herz: kann man von einem aus andragogischen Gründen ad hoch mit Studierenden verstärktem Orchester perfekte klangliche Homogenität verlangen? Lob verdienen in jedem Fall die Blechbläser und der im Kraftfeld der magischen Klänge sich souverän schlagende Apparat der Perkussion. Shelley steuert souverän durch die klippenreiche ungebärdige Partitur, wählt eine scharfe Diktion, entlockt der Musik fulminante Sprengkräfte. Er wagt viel, und er gewinnt mit einem Team, das in der gigantischen Besetzung spieltechnisch Respektables vorführt. Zum Orchesterverband gesellten sich aus Anlass des zehnjährigen Bestehens des Kooperationsprojektes „Hochschule für Musik/Symphoniker“ etwa dreißig von Guido Johannes Rumstadt vorbereitete Studierende, die sich auf verschiedene Stimmgruppen verteilten.
In der ersten Halbzeit findet Kirill Gerstein (34) für den gefürchteten Klavierbrocken, das zweite Klavierkonzert B-Dur op. 83 von Brahms, eine romantisch hochsensible spannungsgeladene Diktion. Da macht sich ein Meister für das Allerschwerste ans Werk. Und an Vertracktheiten ist in dieser viersätzigen „Klaviersymphonie“ samt verschachtelten Trillern, akkordischen Viertelpfündern und gemeinhin als unspielbar geltenden „Leggiero-Doppelgriffen kein Mangel. Im Andante (dritter Satz) zaubert das Klavier mit Solo-Cello und der Oboe innige kammermusikalische Kunst. Das Finale bündelt Kraft, Virtuosität und bringt auch den Grazioso-Charakter elegant zur Geltung. Aufmerksam sekundieren Alexander Shelley und die Symphoniker ohne dem vielgerühmten erwärmenden Brahmsischen Timbre immer gerecht zu werden. Die pianistische Kunst Gersteins wurde stark gefeiert.
LANG LANG KONZERT
19.02.2013

Photo: Peter Hönemann
Lang Lang interpretiert sensibel, artistisch, dehnungsfreudig
Der Ruf eines eigenwillig Interpretierenden umweht ihn seit dem Zeitpunkt als eine überzogene PR-Maschinerie jede Neuaufnahme, jeden global arrangierten Konzertauftritt, koste es was es wolle, zum Event zu stilisieren sucht. Der Klavierstar aus dem Reich der Mitte sorgt stets für ausverkaufte Konzertsäle. Nun tourt er wieder durch die Republik und bringt die Fankurve zum Jubeln. Ausverkauft meldet auch die Meistersingerhalle in Nürnberg. Wer zu Lang Lang ins Konzert geht, erwartet ein Faszinosum. Vor allem hat das junge Publikum ihn ins Herz geschlossen, weil er so flott sein Bühnenspektakel zu inszenieren versteht und pfundig seine Potenziale zur Schau stellt. Was hat es nun mit den interpretatorischen Tugenden des Stars auf sich? Wie nähert er sich dem Genie Mozart, welche pianistischen Überraschungen entbindet er den Texturen von Frédéric Chopin?
Nun scheint Mozart nicht unbedingt die Domäne von Lang Lang zu sein. Drei Sonaten im Köchelverzeichnis die Nummern 282, 283 und 310 stellt der Starvirtuose mehr oder weniger auf das gepflegte Niveau galanter Gesellschaftskunst. Das mag für die als Paradebeispiel für „galante“ Klaviermusik geltende, auf den Mentor Johann Christian Bach hinweisende Sonate KV 282 noch eher zu treffen. Mit viel Frische geht er auch an die G-Dur Sonate KV 283 heran. Manuelle Souveränität in allen Ehren. Wenn allerdings der Supervirtuose Tempi verlangsamt, Bremsmanöver nach eigenem Gutdünken einbaut, mitunter zögerlich artikuliert und die Dynamik bis zum Pianissimo absenkt, dann reflektieren diese künstlerischen Eigenwilligkeiten einen raffiniert aufgezogenen Nuancenkult. Will Lang Lang durch diesen manirierten Impetus seinen Zuhörern eine spezifische Problematik zu suggerieren? Eine eigengeschöpfte überfrachtet wirkende Klangrede? So werden in der Sonate a-Moll KV 310 gepflegt routiniert, mit spritzigem Darüber-Hinweg-Spielen im Kopf- und Finalsatz die dunklen Seiten, die Eintrübungen in Mozarts Klangsprache, die unheilvolle Stimmung im dahin jagenden Presto, nur unzulänglich belichtet. Ein ausgeprägtes Bewusstsein für die klassische Sonatenform legt Lang Lang mit seinem Überpointierungsfimmel bei Mozart leider nicht an den Tag. Geradezu „mozärtlich“ atmet das klangschöne Spiel in den langsamen Sätzen.
Da scheint ihm in der Tat Frédéric Chopin besser zu liegen, zumal die dynamischen Energien der Musik Chopins im Leben von Lang Lang eine besondere Rolle spielen, denkt man an die Solowerke, für die er im Alter von Dreißig ins Aufnahmestudio ging, mit Chopin auch Wettbewerbe erfolgreich bestand und der Komponist ihm auch die Tür zum Studium am Curtis Institute bei Gary Graffman in Philadelphia öffnete. Glänzend versteht es Lang Lang, das Innenleben in den vier Balladen von Chopin zu dechiffrieren, vor allem die lyrischen Oasen, die zahllosen Verästelungen, lustvoll auszukosten wie in den arabeskenhaften Verzierungen der f-Moll Ballade Nr. 4 op. 52. Wie aus geheimnisvoller Ferne tönt in der zweiten Ballade op. 38 das beginnende Andantino. Stimmungsbilder wie in der l840/41 komponierten Ballade Nr. 3 op. 47 enthüllen eine Vielfalt an Klangfarben, lassen im rhythmischen Aufbruch den Eindruck fieberhafter Anspannung spüren. Keine Frage: Lang Lang ist ein hochsensibler Klangregisseur mit blendender Anschlagskunst. Gelingt ihm aber auch jene so kunstvoll auszutarierende Balance zwischen aufgedrehter Dynamik und all den wundervollen farblichen Schattierungen? Mitunter recht abrupt, zu unvermittelt, fast überfallartig lässt er die Dramatik herein donnern. So überrumpelt den Hörer in der Ballade Nr. 2 das Presto con fuoco, das in der dramatischen Brisanz spüren lässt was in der Skitez-Dichtung von Mickewicz dargestellt wird: im litauischen Switez-See sollen einige Mädchen umgekommen sein, die sich von der Brutalität russischer Invasoren zu retten versuchten. Lang Langs Chopin imponiert wohl in der leuchtenden Klanggebung, doch in der Bewältigung der Form sollte er noch reifen. Immerhin: donnerndes Lärmspiel wird vermieden. Der Biss ist immer gegenwärtig, auch wenn so manche lyrischen Verlorenheiten recht breiten Raum erhalten. Sicher ist Lang Lang als Musiker wie als High-Tech-Virtuose ernst zu nehmen. Selten lässt er sich zu unreflektierender Tastenteufelei hinreißen, auch wenn man über so manche pathetische Aufpolsterungen die Nase rümpft.
In den Zugaben stellt er auch flammend-heiße Exaltationen zur Schau. Allerdings durchrast er den Walzer „Grande Valse brillante“ op. 18 derart fulminant, dass auch das letzte Quentchen an Charme und Eleganz verflüchtigt. Über mehr als gehobene Artistik gelangt er hier nicht hinaus. Nachzuhören auch in seiner neuesten bei Sony veröffentlichten CD 88725449132
NATIONAL SYMPHONY ORCHESTRA WASHINGTON
Orchesterkultur made in USA
8.2.13
Was weist ein Orchester als amerikanisches aus? Sicher der instrumentale Feinschliff, die spieltechnische Perfektion, wie aus Einspielungen und live von führenden Ensembles zu erfahren ist. Amerikanisch ist aber auch die lässig saloppe Attitüde, mit der ein Orchester sich lautstark auf dem Podium warmzuspielen pflegt. So gesehen was das Auftreten des National Symphony Orchestra (NSO) aus der Bundeshauptstadt Washington auf ihrer Europa-Tour sehr amerikanisch.
Es ist schon so: Bescheidenheit ist keine Zier der vielen auf Konzertreisen befindlichen Orchester. Das weiß man zur Genüge. Man nimmt den Mund gerne voll mit „best of Classics“ Highlights, den sogenannten Schlachtrössern, verweist auf die große musikalische Tradition des Gastlandes, heuert noch einen zugkräftig Solisten an – nur schade, dass die Rechnung beim NSO nicht ganz aufging, weil die fabelhafte Geigerin Julia Fischer ihr Konzert aus familiären Gründen absagen musste. Die einspringende Geigerin Arabella Steinbacher wurde leider für Nürnberg nicht engagiert, da sie in der Meistersingerhalle in der Hörtnagel Konzertreihe bereits im April ihre Visitenkarte präsentieren wird. Und so lauschte man wieder einmal der geliebten Zweiten von Johannes Brahms, ferner den schnell mal hinein geschubsten „Till Eulenspiegel“ von Richard Strauss. Und zum Entrée war Ludwig van Beethovens Egmont Ouvertüre zu hören.
Wie schön, dass im Laufe der Zeit auch mal Orchester aus dem zweiten und dritten Glied der US Orchester-Hierarchie auf weltweite Reisen gehen, zumal die Top-Teams aus Cleveland, Chicago, Los Angeles, Boston ihre Auftritte aus finanztechnischen Gründen ja in erster Linie auf die Nobelherbergen in Salzburg, Luzern, Edinburgh und Wien zu beschränken pflegen. Nach zehn Jahren kehrt das National Symphony Orchestra wieder einmal nach Europa zurück. Wer zu einer Orchesterreise antritt, sollte eigentlich auch weniger Bekanntes im Gepäck führen, z.B. Werke aus der heimatlichen Musiktradition, vielleicht einen zeitgenössischen Beitrag der modernen US Klassiker Charles Ives, Henry Cowell, Aaron Copland, Samuel Barber. Und ein Leckerbissen wie das mechanistisch rhythmisierte „Short Ride in a Fast Machine“ des amerikanischen Modekomponisten John Adams hätte besondere klangmagische Intensität verbreitet.
Zu einem „Bilderbuch“-Programm mit zentraleuropäischer Klassik erschien am Pult der seit 2010 amtierende Music Director Christoph Eschenbach. In einem Interview berichtet er von der großen Freude der Orchesterleute vom NSO, in Deutschland Musik von Beethoven und Brahms zu spielen, um die Musik in die „Heimat der Musik“ zu bringen und sie dort besonders inspiriert erklingen zu lassen. Dabei finden sich gerade im Jahresprogramm des Orchesters Gepfeffertes aus der modernen Küche: Saariaho, Lindberg, Blacher, Schnittke, Shchedrin, Adams. Wo bleibt der Mut, auf Reisen so etwas zu offerieren? Wo doch Nürnbergs Publikum die Abwechslung liebt? Immerhin bot das Team aus der US Bundeshauptstadt den örtlichen Veranstaltern alternativ vier Programme an, darunter Béla Bartóks „Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2“ (Solist Tzimon Barto) und Bartóks „Konzert für Orchester“. Warum Nürnberg anstelle Béla Bartók die zweite Sinfonie von Brahms auswählte, mag kostenwirtschaftlich motiviert sein, vor allem was Gebühren für GEMA betrifft. Da heißt halt Sparen die Devise.
Man kennt den bei renommierten Orchesteradressen und Opernhäusern stets gerne gesehenen Maestro Christoph Eschenbach, schätzt ihn als Typ eines sinfonischen Sachwalters, der auf diszipliniertes Teamwork achtet, auch flackernde Orchesterhitze zu entfachen versteht. Startyp, Pultlöwe ist Eschenbach wohl nicht. Dafür vermittelt er seine Vorstellungen mit klarer Zeichengebung. Dass er der Versuchung nicht widerstehen kann, bei elegischen Stellen (siehe zweite Satz der 2. Sinfonie von Brahms) genüsslich zu verweilen, hat er mit namhaften Dirigenten gemein (Jansons, Maazel, Rattle, Gergiev). Aber man spürt doch den wegkundigen Lotsen am Pult, der den Orchesterapparat des NSO gut unter Kontrolle hält.
Zügiges, in keiner Phase erzwungenes Brio und in den Mittelstimmen mehr oder weniger locker rhythmisierten Klang, gehört zu den Vorzügen dieses gelungenen Konzertes des NSO in der Meistersingerhalle. Gegründet wurde das National Orchestra Washington l931. Am Pult standen bis dato Maestri von hohem Rang, Antol Doráti, Leonard Slatkin, Iván Fischer. Einen richtigen Aufstieg (1977-1994) erlebte das Orchester unter Mstislav Rostropowitsch, der das Orchester keinesfalls nebenher leitete, sondern seine Laufbahn als Solist einschränkte, um seine ganze Reputation als Musiker in dieses ehrenvolle Amt zu legen. So führte der „Rostro“ das Orchester innerhalb kurzer Zeitabstände auf Europa-Tourneen, was für die anderen großen Orchester aus kostenwirtschaftlichen Gründen eine Undenkbarkeit gewesen wäre. Aber die Augen der Sponsoren ruhten halt damals besonders wohlgefällig auf Washingtons Musikern. Und Rostropowitsch beschränkte sich keinesfalls auf das wohlgefällige sinfonische Repertoire, sondern konfrontierte die Zuhörer mit Werken, die im Westen oft achtlos unter den Teppich gekehrt werden wie die späte russische Sinfonik. In der Tat sitzen Könner an den Pulten des Orchesters: Unerschütterliche Blechbläser mit beträchtlichen dynamischen Reserven und hell timbriertem Klang. Gut die Cellogruppe, während für die hohen Streicher das für amerikanische Orchester typisch metallisch eingefärbte Timbre typisch erscheint. Ein Orchester mit wohl gepflegter Klangkultur. So erlebte Nürnberg ein versiertes Ensemble, das über einen fülligen, organisch atmenden Klang gebietet, der bei Brahms sicher noch mehr Wärme vertragen hätte.
„Till Eulenspiegels lustige Streiche“ von Richard Strauss, weniger dargeboten in bajuwarisch rustikaler Verfassung als in der Bauart des aalglatten, gewitzten, frivol herum flitzenden unkonventionellen „Ulenspiegel“ norddeutscher Prägung, machte gehörigen Dampf. Er fegt durch die Noten, schneidet boshaft Grimassen, sonnt sich im melodienseligen Klang. Man könnte sich dieses Stück wohl pfiffiger, weniger sophisticated, weniger mit erhobenem Zeigefinger als charmanter inszeniert vorstellen. Kurz und bündig geht es dem Bösewicht an den Kragen. Blendende Hornsoli und mächtig einsteigendes Blech führten in den f-Moll-Attacken zum gnadenlosen Tribunal.
Mit Beethoven zu Beginn, der Egmont-Ouvertüre, befindet sich ein Orchester wohl immer auf der sicheren Seite. Vielleicht kam so manchem Beethoven-Fan in den Sinn, dass es ja im Ouvertüren-Repertoire des Komponisten auch seltener Gespieltes vom Meister zu entdecken gäbe.
Wer sich in der zweiten Sinfonie von Johannes Brahms nach dem sonnendurchfluteten Flair der Carinthischen Sommerfrische sehnt, nach der deutsch-österreichischen Art, die Zweite mit leuchtendem Timbre zu genießen, kam durchaus auf seine Rechnung. Allerdings wurden die Zuhörer auch abschnittweise mit knorrigem Bläserspiel konfrontiert. Eschenbach bevorzugt eine flotte Gangart, lässt auch ein raues Lüftchen wehen. Das Lieblingsstück aller reisenden Orchester verlor sich nirgends in allzu idyllischer Pastoral-Nachfolge. Eschenbach hält das Klangbild durchsichtig, arbeitet vertrackte Rhythmen akkurat heraus. So gelingt im Allegro con spirito eine energiegeladene Steigerung, ohne dass das Finale – wie leider oft zu hören – ins Monströse ausartete. Feine Brahmsische Naturtöne hört man von den Hornisten – alles von edlem spätromantischem Zuschnitt.
Das Orchester wurde stürmisch gefeiert, bedankte sich mit „Best of Classics“: Polonaise aus Eugen Onegin von Peter Tschaikowsky und „Furiant“ aus Bedrich Smetanas „Die verkaufte Braut.
Paradecoup der „Tchaikovsky Sinfoniker“ aus Moskau
8.11.2012
Die renommierten „Tchaikovsky Sinfoniker“ aus Moskau touren derzeit durch westliche Konzertsäle – ein Orchester der Weltgeltung, das 1930 als „Moscow Radio Symphony Orchestra“ gegründet und l993 per Erlass des russischen Kulturministeriums in „Tchaikovsky Symphony Orchestra“ umbe- nannt wurde. Unter dem Routinier Vladimir Fedoseyev entfalten sie in der Nürnberger Meistersingerhalle große sinfonische Kraft. Das Glanzstück des Orchesters sind die Blechbläser, die ganze Taktperioden ohne die geringsten Tonschwankungen absolvieren und ihren Instrumentalklang nie unkonturiert ausufern lassen. Vorzügliche Instrumentalisten agieren an den Pulten der Holzbläser. Das Streichercorps wirkt homogen, musiziert mit dunkel erdfa- rben gedecktem Timbre. Celli und Bässe geben dem Spiel des Orchesters ein sattes Fundament. Und all dies läuft makellos zusammen, ohne dass aus den Gesichtern der Musiker lustvolle Gesten abzulesen wären: die Moskauer Mienen bleiben undurchdringlich. Vladimir Fedoseyev, kein Freund überzo- gener Gestik, gibt ohne Stöckchen klare Anweisungen. Seine Bewegungen signalisieren Spannung und Spielwitz. Obwohl die Programme reisender Orchester aus östlichen Gefilden sich im wesentlichen wie ein Ei dem anderen gleichen, bietet die Auswahl der Moskauer doch einige Über- raschungen: Man hät ein Solowerk von Schostakowitsch parat und Peter Tschaikowskys im Vergleich zu den Sinfonien gänzlich im Schatten stehende „Manfred-Sinfonie“ op. 58 h-Moll.
Zum Entrée präsentiert der Cellist Daniel Müller-Schott (36) seine Visitenkarte – ein stupender Virtuose seines Fachs, ein vielseitiger Cellist seiner Generation, der auf allen bedeutenden internationalen Konzertpodien zu hören ist. Kraftvoll lotst Müller-Schott das Mstislaw Rostropovich gewidmete „Concerto für Violoncello und Orchester“ op. 126 aus. Technische Brillanz verbindet sich mit großem intellektuellem und emotio- nalem Touch. Anders als in dem sieben Jahre früher entstandenem Concerto op. 107 sind hier alle konventionellen Formen des Satzbaus verwässert. Manches erscheint klanglich verschlüsselt als existentielle Bedrohung, so der grotesk höhnende Marsch der Hörner zu Beginn des dritten Satzes, die gruselnden Gespräche zwischen dem Solocello und der Perkussion und alle jene Floskeln in den kadenzartigen Einschüben, die wie Traumbilder vorüberhuschen. Müller-Schott spielt mit weit ausladendem, sonorem, warm timbriertem Ton. Seine cellistischen Potenzen schließen exzellentes technisches Vermögen und eine Griff- und Bogentechnik ein, die nichts zu befürchten hat. Dass hier ein hellhöriger Klangredner zu Werke geht, vermitteln kammermusikalisch durchgeformte Abschnitte, wenn sich Horn, Klarinette oder Celesta in die Soli des Cellos mischen und melancholisch meditativ im ersten Satz einem Höhepunkt zusteuern.
Im kräftigen Zugriff kommen die bewegungsfreudigen,vorwärts drängenden Abschnitte im Allegretto des dritten Satzes. Da spricht denn ein Komponist, der sarkastisch-heiter sein will und zugleich in den musikalischen Zerrspiegel schaut – eine tragische Figur fürwahr, dem dezent aufgetragene Resignation wahrhaftiger dünkt als staatlich oktroyiertes Pathos. In dem sich lastend ernst dahin schleppenden exzessiv steigernden ersten Satz staunt man über Müller-Schotts Kunst des runden sprechenden Tons. Vladimir Fedoseyev erweist sich am Pult der aufmerksam agierenden Moskauer Sinfoniker als ein profunder Kalkulator der orchestralen Wirkungen. Mit der Habanera von Maurice Ravel bedankt sich der Virtuose für den herzlichen Beifall.
Nach der Pause versenken sich die Sinfoniker mit Volldampf in Peter Tschaikowskys Manfred Sinfonie, in das Seelengemälde des empfindsamen Helden, wenn man will auch in ein musikalisches Selbstporträt des Komponisten. Von dem unter Reue und namenlosen Leiden geplagten, in den Alpen umher irrenden Helden entwirft das Orchester ein vibrierendes charakterliches Bild. So erscheint tänzerisch anmutig im Scherzo (Vivace con spirito) die Alpenfee im Regenbogen des sprühenden Wasserfalls – ein virtuoses Orchesterstück, in dem die vorzüglich agierenden Holzbläser funkelnde Instrumentationseffekte vorführen. Ländliches Flair reflektiert ganz im Sinne von Héctor Berlioz der dritte Satz, während das Allegro con fuoco bacchantisch in den unterirdischen Palast von „Ahriman“ führt. Nach fugierten Passagen und grandios inszenierten, laut krachenden orchestralen Sturmläufen wird schließlich der Tod des Helden geschildert. Die Wiedergabe besitzt Kraft und Emotion. Die russische Seele darf im klug dosierten Rubato wallen. Klar in den Strukturen, perfekt und differenziert im Zusammenklang, ohne Aufputschinjektionen, rollt das Seelendrama dynamisch hochfahrend ab.Vladimir Fedoseyev führt mustergültig vor, wie ein Spitzenorchester auf präzise Weise Dramatik zu artikulieren versteht. Das Tchaikovsky Symphony Orchestra imponiert durch strahlkräftige Blech-bläsereinsätze und fein abgestufte Schattierungen der Holzbläser. Es gibt jubelnden Beifall. Konzertveranstalter Georg Hoertnagel, einst Solobassist in Bayerns Staatsoper München, lässt es sich nicht nehmen, die ganz oben thronenden acht Moskauer Bässe eigens mit Handschlag zu beglück-wünschen. Verdient hätten diese Zuwendung aber auch die Holzbläser – ein derart rhythmisch teuflisch vertracktes, perfekt absolviertes Scherzo, begegnet einem wohl nicht alle Tage. Mit zwei Zugaben, darunter einem zauberhafter Walzer, geht dieser ereignisreiche Abend zu Ende.
Krystian Zimerman
01.10.2012
Ein Ausnahmepianist, wandert seit fünfzig Jahren durch die Musikwelt – Er gilt als einer der ganz Großen seiner Zunft. Wieder erlebte man ihn in Hörtnagels Nürnberger Meisterkonzerten als einen unbeirrbarer Perfektions-fanatiker, der künstlerischen Herausforderungen auf das brillanteste und geschliffenste gerecht wird. In den Konzertsälen, auch in den Aufnahme-studios, macht er sich rar. Mit vierzig bis fünfzig Konzerten im Jahr (rekord- und publizitätsträchtige Naturen sollen es auf einhundert-fünfzig und noch mehr bringen) sei für ihn das Limit erreicht. Akribisch genau pflegt er seine Konzerte zu planen. „Ich könnte nie Wien vor Nürnberg einplanen. Der Wechsel der Akustik ist anschlagtechnisch nicht zu bewältigen.“ Eine Tournee zu planen das sei für ihn jedes Mal wie ein Kampf mit den Wind- mühlen. Wer zu Krystian Zimerman geht, erwartet ein Faszinosum, und die enthusiasmierten Besucher kamen zur Saisoneröffnung in der Meistersin- gerhalle voll auf ihre Kosten. Nun kennt man seine Stärken, sein Feingefühl, die technische Bravour und die Disziplin, mit der ohne emotionale Effekt- hascherei, ohne artikulatorische Mätzchen, den Zauber von Frédéric Chopin zu entfesseln versteht. Souverän packt er auf eigenem samt Transporter und Stimmer mitreisenden Steinway Chopins lyrisch-innige h-Moll Sonate op. 58 an. Obwohl Kultstück, steht sie doch im Schatten der b-Moll Sonate. Welch sensibler Anschlagskünstler macht sich da ans Werk. Hier wehen keine Museumsdüfte durch die Ritzen. Alle emotionalen Auswüchse erschei- nen wohl überlegt dosiert. Unvermittelt brechen im Allegro Maestoso zwar die dynamischen Kontraste ein, erscheinen aber stets klar konturiert in den Lineaturen. Das vor sich hin träumende deutliche Züge eines Nocturne tragende Largo lebt von beträchtlicher Sensibilität. Und wie er im h-Moll Finale das Figurenwerk glitzern lässt und den virtuosen Sprint in Szene setzt, lässt keine Zweifel aufkommen: Zimerman gilt als einer der bedeu- tendsten Chopin Interpreten.
Noch ein weiteres Werk seiner Landsleute nahm er ins Programm auf – die als Opus 1 geführten Präludien von Karol Szymanowski, dem Klassiker der polnischen Moderne, der immer noch als unsensationelle Hintergrundfigur abqualifiziert wird. Die Orientierung am romantischen Leitbild Chopins ist hier unverkennbar, wie auch die moderne Klangsprache wetterleuchtet. Für die Mixtur aus Chopin signalisierenden Texturen und expressivem Duktus findet Zimerman eine supreme ausgehörte Klangbalance. Auch der Schwenk in französische Gefilde folgt einer schlüssigen Dramaturgie. Imaginär reist Claude Debussy in „Estampes“ nach Spanien und in den ferner Osten, denn „wenn man nicht das Geld hat, sich wirkliche Reisen zu leisten, muss man sie im Geiste machen“. Wie Zimermans Klavierkunst in „Pagodes“ die Realität Ostasiens umsetzt, das Kolorit von Debussys Traumland Spanien (La soirée dans Grenade) klingend ausmalt und in den einer Toccata gleichenden „Jardin sous la pluie“ (Gärten im Regen) die französischen Clavecinisten grüßen lässt, beleuchtet das Spiel auf das Mirakulöseste.
Trefflich versteht es Zimerman, in einer Auswahl von Debussy Préludes das Innenleben der Musik zu belichten und all die Verästelungen lustvoll aus- zukosten. Die in den Jahren zwischen l909 und l913 komponierten „Préludes“ gelten wohl als Paradebeispiele dafür, wie gedankenreich der Komponist in diese Kostbarkeiten seelische Zustände und naturhafte Vorgänge hörbar macht. Als gedanklich überquellen Miniaturen erweisen sich die konzentriert gearbeiteten kurzen Piècen aus dem ersten Buch, so die Nummer 10, die der sündigen Bewohner gedenkenden Gesänge aus der legendären „La cathédrale engloutie“ (versunkene keltische Kathedrale von Ys). Das reflektiert eine magische Differenziertheit, die in Krystian Zimerman den meisterlich gestaltenden Interpreten findet.
Riesiger Beifall, keine Zugaben, dafür ein amüsant inszeniertes Beifalls-Ritual zwischen Zimerman und seinem Bewunderer und Freund Krystian Zimerman.