DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
Startseite
Unser Team
Impressum/Copyright
Alle Premieren 17.18
---
Kontrapunkt
Die OF-Schnuppe :-((
Der OF-Stern * :-)))
HUMOR & Musikerwitze
Bilsing in Gefahr
Herausgeber Seite
----
KINO Seite
CD DVD BluRay
Buchkritik aktuell
Kliers Discografie
-----
Oper und Konzert
Pr-Termine 2016.17
Aachen
Aachen Sonstige
Aarhus
Bad Aibling
Altenburg Thüringen
Altenburg Österreich
Amsterdam DNO
Amsterdam Th. Carré
Andechs
Annaberg Buchholz
Ansbach
Antwerpen
Arnheim
Aschaffenburg
Athen
Athen Onassis Cultur
Augsburg
Avignon
Bad Ischl
Bad Reichenhall
Baden bei Wien
Baden-Baden
Badenweiler
Baku
Bamberg
Bamberg Konzerte
Basel
Basel Musicaltheater
Basel - Casino
Bayreuth div.
Pionteks Bayreuth
Bayreuth Festspiele
Belogradchik
Bergamo
Berlin Deutsche Oper
Berlin DO WA
Berlin Staatsoper
Berlin Staatsoper WA
Berlin Kom. Oper
Berlin Kom. Oper WA
Berlin Neuköllner Op
Berlin Konzerte
Berlin Ballett
Berlin Sonstige
Bern
Bielefeld
Bochum Ruhrtriennale
Bochum Konzerte
Bonn
Ära Weise 2003-2013
Bozen
Bratislava
Braunschweig
Braunschweig Konzert
Bregenz Festspiele
Bremen
Bremen Musikfest
Bremerhaven
Breslau
Brünn Janacek Theate
Brüssel
Budapest
Budap. Erkel Theater
Buenos Aires
Burgsteinfurt
Cagliari
Casciana
Chemnitz
Chicago
Coburg
Coburg Joh. Strauss
Coesfeld
Colmar
La Coruna
Cottbus
Crevoladossola
Darmstadt
Dehnberg
Den Haag
Dessau
Dessau Weill Fest
Detmold
Dijon
Döbeln
Dortmund
Dortmund Ballett
Dortm. Konzerthaus
Dortmund Sonstiges
Dresden Semperoper
Dresden Operette
Duisburg
MusicalhausMarientor
Düsseldorf
Düsseldorf Tonhalle
Schumann Hochschule
Eisenach
Ekaterinburg
Enschede
Erfurt
Erl Festspiele 2015
Erl Festspiele 2014
Erlangen
Essen Aalto Oper
Essen Aalto Ballett
Essen Aalto WA
Essen Philharmonie
Essen Folkwang
Eutin
Fano
Fermo
Florenz
Frankfurt
Frankfurt WA
Bockenheimer Depot
Freiberg
Freiburg
Füssen
Fürth
Fulda
Gelsenkirchen MiR
MiR Ballett
Genf
Gent
Gera
Giessen
Glyndebourne
Görlitz
Gotha Ekhof-Festsp.
Graz
Graz Styriarte
Graz Konzerte
Graz Sonstiges
Hagen NEU
Hagen alt
Halberstadt
Halle
Halle Händelfestsp.
Hamburg StOp
Hamburg StOp Wa
Hamburg Konzert
Hamburg Sonstige
Hamm
Hannover
Hannover Sonstiges
Heidelberg
Heidenheim Festsp.
Heilbronn
Heldritt
Helsinki
Hildesheim TfN
Hof
Hohenems
Gut Immling
Ingolstadt
Innsbruck Landesth.
Innsbruck Festwochen
Jekaterinburg
Jennersdorf
Kaiserslautern
Karlsruhe
Karlsruhe Händel
Kassel
Kiel
Kiew
Bad Kissingen
Klagenfurt
Klosterneuburg
Koblenz
Köln Staatenhaus
Wiederaufnahmen
Köln Philharmonie
Köln Sonstiges
Konstanz Kammeroper
Kopenhagen
Krummau a.d. Moldau
Krefeld
Landshut
Langenlois
Bad Lauchstädt
Leipzig Oper
Leipzig Mus. Komödie
Leverkusen
Lille
Linz/Donau
Linz Sonstiges
Ljubljana/Laibach
London ENO
London ROH
Ludwigshafen
Luisenburg
Lübeck
Lübecker Sommer
Lüneburg
Lüttich/Liège
Luxemburg
Luzern
Lyon
Macerata
Madrid
Magdeburg
Mailand
Mainz
Malta
Mannheim WA
Mannheim
Maribor/Marburg
Marseille
Martina Franca
Massa Marittima
Meiningen
Melbourne
Minden
Minsk
Miskolc
Mönchengladbach
Mörbisch
Hamburg
Monte Carlo
Montpellier
Montréal
Moskau Bolschoi N St
Moskau Sonstige
München NT
München NT Wa
München Cuvilliés
MünchenPrinzregenten
München Gärtnerplatz
München Ballett
München Sonstige
Münster
Münster Konzerte
Münster Sonstiges
Muscat (Oman)
Nancy
Neapel
Neuburger Kammeroper
Neuburg/Donau
Neuss RLT
Nizhny Novgorod
Nordhausen
Novara
Nürnberg
Nürnberg Gluck Fest
Nürnberg Konzerte
Oberammergau
Oldenburg
Ölbronn
OperKlosterNeuburg
Oslo
Osnabrück
Ostrau
Palermo
Paris Bastille
Paris Garnier
P. Champs-Elysées
Théâtre du Châtelet
Paris Ballett
Paris Philharmonie
Paris Versailles
Parma
Passau
Pesaro
St. Petersburg
Piacenza
Pisa
Pforzheim
Plauen
Posen
Potsdam
Prag
Radebeul
Raiding
Recklinghausen
Regensburg
Reggio Emila
Remscheid
Rendsburg
Riga
Rosenheim
Ruhrtriennale
Saarbrücken
Saint Etienne
Salzburg Festsp 2017
Salzburg LT
Salzburg Osterfestsp
Salzburg Sonstiges
San Francisco
San Marino
Sarzana
Sassari
Savonlinna
Sankt Gallen
Sankt Petersburg
Oper Schenkenberg
Schwarzenberg
Schweinfurt
Schwerin
Schwetzingen
Sevilla
Singapur
Sofia
Solingen
Spielberg
Spoleto
Stockholm
Straßburg
Stuttgart
Stuttgart Ballett
Szeged (Ungarn)
Tampere (Finnland)
Tecklenburg
Teneriffa
Toggenburg
Tokyo
Toulon
Toulouse
Trapani
Trier
Triest
Turin
Ulm
Valencia
Valle d´Itria
Venedig Malibran
Venedig La Fenice
Verona Arena
Weimar
Wels
Wexford
Wien Staatsoper
Wien TadW
Wien Volksoper
Renate Wagners Wien
Wien Konzerte
Wien Ballett
Wien Sonstiges
Wiesbaden
Wiesbaden Wa
Bad Wildbad
Winterthur
Wolfsburg
Wunsiedel
Wuppertal
Würzburg
Zürich
Zürich WA
Zürich Ballett
Zürich Konzert
Zwickau
---
INTERVIEWS A - F
INTERVIEWS G - K
INTERVIEWS L - P
INTERVIEWS Q - Y
---
In Memoriam
Musical
Jubiläen 2016
Essay
Nationalhymnen
Doku im TV
Oper im Fernsehen
Oper im Kino
Unsitten i.d. Oper
---
CD Kritiken Archiv

 

ELISABETH KULMAN

Tell me the Truth - großartiger Liederabend!

Stephaniensaal Graz am 9. 10. 2017

Elisabeth Kulman ist eine fesselnde Persönlichkeit, die ein reines Liederprogramm in ein Musikdrama, in ihr ganz persönliches Drama zu verwandeln versteht, das sie dem Publikum offenlegt und das sie mit ihm teilen will.

Diesen Satz schrieb ich im  Februar 2016 über den letzten Grazer Liederabend von Elisabeth Kulman mit dem Titel "frauen.leben.liebe" - und ich freute mich, als ich genau dieses Zitat in der Ankündigung ihres jüngsten Konzerts in Raiding (mit dem weitgehend identen Programm wie in Graz) wiederfand. Offenbar fühlte sich Elisabeth Kulman verstanden - und diesen Satz kann ich heute nur wiederholen, er gilt wahrhaft auch für das neue Programm unter dem Titel Tell me the Truth !

Ich beginne meinen Bericht mit dem Zugabenteil, den Elisabeth Kulman und ihr getreuer Partner am Flügel  Eduard Kutrowatz dem begeisterten Publikum gewährte, denn diese drei Zugaben bündeln für mich in idealer und höchst berührender Weise wie in einem Brennspiegel die Botschaft der Elisabeth Kulman an ihr Publikum - und wohl auch an sich selbst …..

Als erstes erklang Gretchen am Spinnrade des 17-jährigen Franz Schubert, ein absolutes Meisterwerk der Liedkunst. Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer - wann hat man das je so wahrhaft, so ehrlich und gleichzeitig stimmlich und technisch so perfekt gestaltet erleben dürfen? Jede Nuance, jedes Wort wird mit größter Kunstfertigkeit ausgedeutet, ohne dass dies je in die Nähe von künstlicher Manieriertheit oder vordergründiger Dramatisierung gerät. Es war ein Höhepunkt großer, größter Liedinterpretation.

Aber es wäre nicht die Kulman, wenn sie nicht diesen tief empfundenen Ausbruch ihrer Emotionen sofort mit dem nächsten Stück relativieren würde, gleichsam, um davon Abstand zu gewinnen. Und so wählte sie als 2. Zugabe einen Text von Erich Kästner, den Herwig Reiter unter dem Titel Portrait einer Chansonette im Jahre 2015 effektvoll und durchaus Chanson-nah vertont hat. In diesem Lied heißt es unter anderem: Sie singt, was sie weiß. Und sie weiß, was sie singt. Das merkt man am Gesang. Und manches, was sie zum Vortrag bringt, behält man jahrelang - und dann weiter im Text: Das Herz tut ihr manchmal beim Singen weh. Denn sie singt nicht nur mit dem Mund. Sie kennt den Kakao, durch den man uns zieht, genauso gut wie wir, und sie weiß zu dem Thema so manches Lied. Da stand plötzlich der extrovertierte Bühnenmensch Elisabeth Kulman auf dem Podium - jedes Detail effektvoll und publikumswirksam präsentierend und dabei die gesamte Podiumsbreite „bespielend“.

Aber auch das ist natürlich nicht die ganze Elisabeth Kulman - und so erlebte man als 3. Zugabe in Franz Liszts Es muss ein Wunderbares sein eine weitere Seite der großen Künstlerin: sehr melancholisch, ja fast ein wenig resignativ erklang dieses gefühlvoll-schlichte Lied - geradezu als Verzicht, ja als eine Absage an die Realisierbarkeit großer Liebe.

Das Programm vor diesem umjubelten Zugabenteil war dramaturgisch genau so aufgebaut, wie es dann die Zugaben selbst waren. Im 1. Programmteil waren überwiegend selten gehörte Lieder von Franz Schubert  mit Kästner-Liedern von Herwig Reiter (geboren 1941) kontrastreich verschränkt. Da folgten beispielsweise nahtlos auf die Romanze aus Rosamunde Der Vollmond strahlt auf Bergeshöh’n (leider mit unpassend hart-trockenen Sforzati in der Klavierbegleitung anstelle der von Schubert notierten fp ) Herwig Reiters Sachliche Romanze und auf den Kästner-Text Alte Frau auf dem Friedhof attacca Franz Schuberts Ruh’n in Frieden alle Seelen. Diese Gegenüberstellung von reiner, klarer Schubert-Emotion mit den Liedern aus unserem Jahrhundert fügte sich ideal zusammen - dies nicht zuletzt deshalb, weil Herwig Reiters Tonsprache leicht rezipierbar ist. Er selbst beschreibt seine Kompositionsweise so: Seine Partituren sind konventionell notiert, motivisch durchgeformt und melodisch-harmonisch auf Skalen, nicht auf Reihen aufgebaut. Unmittelbare Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit in der Vorstellung werden angestrebt. "Modernität" im Sinne eines absichtlichen Zerschlagens von fassbaren melodisch-rhythmischen Gestalten bzw. des Ersetzens von "Form" durch "Strukturen", von Harmonik durch reine Klang- und Geräuschwirkungen und von "Vision" durch "Provokation" lehnt Reiter ab. Er versucht, das Publikum zu "erreichen", zu "berühren", und nicht zu verstören.

Zusätzlich zum dramaturgischen Element der Gegenüberstellung Schubert/Reiter kamen noch als Klammer des Programms die drei Strophen des Schubert-Liedes Dithyrambe mit dem ekstatischen Schillertext - einem Loblied auf Dionysos, den Gott der Ekstase und der Verwandlung. Bei diesem feurigen Lied, das am Strophenende recht tief liegt, vermeinte man zu hören, dass Elisabeth Kulman an diesem Abend stimmlich nicht optimal disponiert war - die Tiefen erklangen nicht in der gewohnten pastosen Breite und Wärme. Aber mit der ihr gegebenen technischen Meisterschaft und mit gezielt schlanker Stimmführung machte sie dies perfekt wett - und ich weiß gar nicht, ob es wirklich eine kleine Indisposition war oder vielleicht ein bewusst eingesetztes Stilmittel.

Nach der Pause erklangen dann zunächst die drei Petrarca-Vertonungen von Franz Liszt. Da ließ Elisabeth Kulman dann erstmals an diesem Abend ihre Stimme in breitem Glanze strömen - wunderbar schon der Aufschwung Benedettti le voci tante im ersten Sonett. In Pace non trovo erlebte man die große italienische Bühnengeste - ideal verbunden mit der belkantesken Pracht des Organs von Elisabeth Kulman.

Nach diesen hochromantischen Liszt-Ergüssen beschlossen - wiederum in effektvollem Kontrast - vier Cabaret-Songs von Benjamin Britten nach Texten von W.H.Auden das offizielle Programm. Da stand wieder die effektvolle Bühnenkünstlerin auf dem Podium - nein, sie stand nicht, sie stürmte beim ersten Lied während des Vorspiels mit einer Trillerpfeife auf das Podium und sang atemlos: Driver, drive faster and make a good run. Daran schlossen sich dann nahtlos das dem gesamten Programm das Motto gebende Lied Tell me the Truth About Love und dann der Liebhaber Johnny, der seine Verehrerin nicht erhört, bevor der Funeral Blues das Programm endgültig abschloss.

Elisabeth Kulman versteht es, diese effektvollen Kabinettstücke von Benjamin

Britten in ihrer Interpretation immer in der Schwebe zu halten - in der Schwebe zwischen effektvoller Kabarett-Stimmung und Ernsthaftigkeit - und so bleibt offen, wie der letzte Satz des Programms zu deuten ist: For nothing now can ever come to any good - Nichts wird jemals wieder gut.

Und wie zu Beginn geschildert: der brillante Zugabenteil bündelte nochmals die facettenreiche Vielfalt der Kulmanschen Interpretationskunst - das Publikum war begeistert!

Hermann Becke, 10. 10. 2017

Ein TV-Bericht (3:20) über das Programm und ein Interview (3:49) mit Kulman und Kutrowatz 

 

 

 

 

Gian-Carlo Menotti)

DAS TELEPHON

Premiere am 17. 6. 2017

Unterhaltsame Nichtigkeit an ungeeignetem Orte

 

Als vierte Produktion der Reihe OpernKurzgenuss von Oper Graz und Kunstuniversität Graz - nach „Susannens Geheimnis“ im vergangenen November, Monteverdis Combattimento im März und dem Hotel Elefant im Mai (der Opernfreund berichtete über alle Produktionen) - wurde Menottis Kurzoper auf einem wahrhaft ungewohnten Platz präsentiert: nämlich auf der Murinsel, die aus Anlass des Europäischen Kulturhauptstadtjahres 2003 vom New Yorker Architekt und Installationskünstler Vito Acconci mitten auf dem die Stadt teilenden Mur-Fluss errichtet worden war.

Die Installation war von Anfang an durchaus umstritten, die ersehnte internationale Anerkennung gab es nicht. Mit Beginn dieses Jahres gab es allerdings ein „Facelift“ und der Rundfunk konnte über die Murinsel berichten:

Sie beherbergt ein kleines Cafe und bietet in einem Amphitheater Platz für Veranstaltungen. Bisher war die Nutzung aber wenig koordiniert, und der Zahn der Zeit nagte bereits am Stahl- und Glasgebilde - daher wurde die Murinsel in den vergangenen Monaten saniert. Vor allem im Innenbereich hat sich so manches geändert: Statt einem Kletternetz für Kinder wird nun eine freie Fläche zur Verfügung stehen - diese sollen künftig Fremdenführer mit ihren Gruppen nutzen. Zudem werden in dem Bereich weitere Informationen über Graz bereitgestellt, teils auch auf Monitoren: Sie sollen den Gästen Lust auf andere Sehenswürdigkeiten in Graz machen. Hinzu kommt ein Designershop, in dem Kreative aus der Stadt ihre Produkte zum Verkauf anbieten können. Der Kaffeehaus-Betrieb bleibt erhalten, wobei das Essens-Sortiment auf Sandwiches, Baguettes und Strudel-Angebote ausgelegt werden soll, so Wolfgang Skerget, Leiter der Koordinationsstelle City of Design. Neu ist auch ein Showroom - ein Bereich, in dem Künstler ihre Möbel nicht nur ausstellen, sondern auch als Sitzgelegenheiten zur Verfügung stellen. Der Außenbereich erfährt eine elektronische Aufwertung, denn sowohl Tonanlage als auch Leinwand wurden installiert. Damit sollen in der warmen Jahreszeit Sommerkino-Veranstaltungen im Amphitheater stattfinden - dabei soll es aber weniger klassisches Sommerkino, sondern mehr eine Plattform für Künstler sein, die ihre Visuals darbieten können. Insgesamt gehe es laut Skerget um eine „sanfte, nachhaltige kulturelle Aufladung der Murinsel“, wobei die Koordination die Stadt Graz übernimmt und somit auch die Auswahl trifft.

Die aktuelle Kurzopernproduktion ist wohl primär unter diesem Aspekt der angestrebten „sanften kulturellen Aufladung“ einer bestehenden und kaum genutzten Installation zu sehen - es ging offenbar vor allem darum, die Murinsel wieder mehr ins Bewusstsein zu rücken. Im Vordergrund stand die Installation und nicht das Werk -und schon gar nicht die Musik.

Menottis 1947 in New York uraufgeführter Einakter „Das Telephon oder die Liebe zu dritt“ ist ein belangloses, aber durchaus unterhaltsames Werkchen, das der Regisseur Christian Thausing mit seiner Produktionsdramaturgin Marlene Hahn aktualisiert hat: Sowie damals Telefone in den Haushalten Einzug gehalten und dadurch für Unruhe gesorgt haben, ist heute das Smartphone unser tägliche Begleiter und Störenfried.

Das Zweipersonenstück, das im Original in Lucys Apartment spielt, wurde in ein schickes Café-Restaurant - eben auf die Murinsel - verlegt und mit einer Statistenschar bereichert, die das Café bevölkert und am Ende den Heiratsantrag mit ihren Smartphones dokumentiert. Das Stück wurde in so manchen Kleinigkeiten verändert: das Geschenk, das Ben zu Beginn Lucy überreicht ist nicht a piece of abstract sculpture , sondern ein Buch - und natürlich versucht Ben in der Smartphone-Version nicht, das Telefonkabel zu durchschneiden. Diese Adaptierungen mag man gerne akzeptieren - unnötig platt ist allerdings der formelle Heiratsantrag auf offener Bühne vor allen Kaffeehausgästen. Im Original endet das Stück viel subtiler - der Heiratsantrag erfolgt via Telefon und Lucy drängt Ben, er möge sich ihre Telefonnummer aufschreiben.

Dass das Stück im öffentlichen Raum aufgeführt wird, hat entscheidende akustische Konsequenzen: das starke Rauschen des Flusses und vor allem die wummernden E-Bässe des nahegelegenen City-Beach - einer (ebenfalls von der Stadt Graz geförderten) „Plattform für Jugendkultur“ - machen es von vorneherein unmöglich, sich mit Menottis Musik ernsthaft auseinanderzusetzen. Und es spielt natürlich nicht das von Menotti vorgesehene 14-köpfige Kammerorchester, sondern die tapfere musikalische Leiterin Tatiana Maksimova muss ganz am Rand der Szenerie von einem blechern klingenden E-Piano aus - gleichsam als Barpianistin - die Musik beisteuern.

Das machte die ausgezeichnete russische Pianistin (des Instituts für Musiktheater der Kunstuniversität Graz) zwar großartig und mit Elan, aber die Musik ist völlig vom szenischen Geschehen überdeckt - geradezu symptomatisch kommt dazu, dass auf der Homepage-Ankündigung der Oper Graz die Musikalische Leitung bei der Aufzählung der Besetzung überhaupt fehlt…..

Die beiden Protagonisten sind bei glänzender Spiellaune und überzeugen als Figuren. Die unvermeidbaren Mikroports führen dazu, dass die stimmlichen Leistungen kaum beurteilbar sind. Der Routinier David McShane singt sehr wortdeutlich (das Stück wird in deutscher Sprache aufgeführt), die charmante Thailänderin Lalit Worathepnitian spielt entzückend und wirkt stimmlich doch recht angestrengt und nicht immer intonationssicher.

Das Menotti-Stück hat nur eine Spieldauer von rund 20 Minuten - um das Ganze etwas zu dehnen, wurde eine heitere, gleichzeitig aber nachdenklich machende Episode eingeschoben:

David McShane - seit 1985 in Graz engagiert - nahm die Perücke ab, schilderte seine jugendlichen vergeblichen Opern-Vorsingen und die damit verbundenen Telefonate bis zum ersten Engagement in Graz und verband dies mit einem Song von Leonard Bernstein. Das war für Grazer Opern-Insider - und das war an diesem Abend wohl die überwiegende Mehrzahl im Publikum - ein durchaus berührender Ruhepunkt.

Das Publikum war von der „location“ und dem munteren Spiel animiert und spendete freundlichen Beifall- ein Operngenuss war es aber diesmal wohl nicht, sondern ein frühsommerliches „Event“. Als altgedienter Beobachter der Grazer Kulturszene kann man nur dem beipflichten, was schon vor der Errichtung der Murinsel von Emil Breisach gesagt wurde - einer Persönlichkeit, die Jahrzehnte maßgeblich das Kulturleben prägte: „Acconci ist ein bedeutender Künstler, die Murinsel ist ein ästhetisch schönes Projekt, aber sie ist Graz wie ein Fremdkörper aufgepfropft. Graz ist keine Wasserstadt wie Venedig oder Amsterdam, die Mur ist kein breiter, ruhiger Fluss, sie ist schmal und tief eingeschnitten, von der Insel aus bietet sich kein Ausblick auf die Stadt. Bedingt durch das relativ starke Gefälle wird das Wasser unter erheblicher Lärmentwicklung an die Bordplanken der Insel branden – außer Popkonzerten werden da kaum kulturelle Aktivitäten möglich sein.“ (hier - mit anderen kritischen Stimmen - nachzulesen). Für den Premieren-Abend galt zusätzlich das, was ein anderer Kritiker prophezeit hatte: „Auf der Mur bläst dauernd ein kalter Wind“………………..

Hermann Becke, 18. 6. 2017

Probenfotos: Oper Graz, © Nikola Milatovic

Noch vier weitere Termine

 

 

 

DER OPERNFREUND  | Opernfreund.Contact@t-online.de