DER OPERNFREUND - 43.Jahrgang
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TATJANA GÜRBACA

"Auch mit einem kleinen Ensemble kann man eine hohe Qualität erreichen"

Interview mit der neuen Mainzer Operndirektorin

Photo: Martina Pipprich

OF: Liebe Frau Gürbaca, Sie bekleiden seit dieser Saison das Amt der Operndirektorin am Staatstheater Mainz. Wie kam es dazu?

G: Ich war bereits seit Jahren als freiberufliche Regisseurin tätig und kannte den Mainzer Intendanten Matthias Fontheim bereits aus seiner Zeit in Graz, wo er mir als Schauspieldirektor eine Inszenierung gegeben hatte. Schon damals habe ich in ihm einen versierten und genauen Beobachter von Theaterstücken kennengelernt, der auch ein sehr guter Gesprächspartner in der Arbeit war. Später bot er mir hier in Mainz mehrere Produktionen an und fragte mich schließlich, ob ich mir vorstellen könnte, ganz an sein Haus zu kommen. Ich befand mich damals gerade in einer Lebensphase, in der ich mich danach sehnte, irgendwo fest zu sein. Als freiberuflicher Regisseur führt man ein Nomadenleben. Da ist es nur natürlich, dass man sich manchmal ein Team wünscht, mit dem man über längere Zeit hinweg etwas aufbauen kann. Im Augenblick empfinde ich den Beruf einer Operndirektorin als ganz konsequente und logische Fortsetzung von dem, was ich als Regisseurin ja auch schon die ganze Zeit über getan habe, nämlich mich mit Spielplänen, Stücken und Besetzungen zu befassen. Das Staatstheater Mainz war mir schon von fünf Inszenierungen her bekannt, die ich an diesem Haus erarbeitet hatte. Ich wusste um den Entwicklungsstand des Ensembles und war auch mit den Menschen um mich herum vertraut. Ich habe mir wirklich viel Zeit genommen, um zu überlegen, ob ich in meinem Leben jetzt diese Weiche stellen will und habe schließlich zugesagt. Und diesen Entschluss habe ich bis jetzt noch keine Sekunde lang bereut. Ich bin sehr froh, hier zu sein.

OF: Vor Ihrer Berufung zur Leiterin der Oper inszenierten Sie am Staatstheater Mainz bereits im Jahre 2007 die „Lucia di Lammermoor“, 2008 den „Werther“ und die „Manon“, 2010 dann Smetanas „Verkaufte Braut“ sowie in der vergangenen Saison Sciarrinos „Macbeth“. Tut man sich in einer Führungsposition wie der Ihren leichter, wenn man mit dem Betrieb schon einigermaßen vertraut ist?

G: Ja, unbedingt! Es ist sehr hilfreich, wenn man das Ensemble bereits kennt und weiß, auf welcher Entwicklungsstufe sich die einzelnen Gesangssolisten gerade befinden, was sie schon gesungen haben und in welche Richtung sie sich als Persönlichkeit sowohl stimmlich als auch darstellerisch entwickeln. Bei diesen Gegebenheiten ist es viel leichter zu beurteilen, was man ihnen zutrauen kann und wo man den Sängerstamm vielleicht um eine bestimmte Stimme ergänzen könnte.

Photo: www.flaamseopera.be

OF: Wie hat sich Ihnen das Arbeitsklima am Mainzer Opernhaus bisher erschlossen?

G: Es ist ganz ausgezeichnet. Ich habe das Gefühl, dass ich hier viele hervorragende Arbeits- und Gesprächspartner an meiner Seite habe. Die Kommunikation mit ihnen läuft ebenfalls sehr gut. Darüberhinaus genieße ich auch die Arbeit mit dem Ensemble und dem Chor sehr, weil ich da stets auf echtes Engagement und wirkliche Begeisterung stoße. Was uns im Augenblick sehr zu schaffen macht, sind die Einsparungsmaßnahmen. Die Opernsparte ist sowieso schon klein, womit die Verpflichtung von Gästen immer schwieriger wird. Unter diesen Umständen ist es natürlich nicht einfach, die Stücke so zu offerieren, wie wir das gerne würden.

OF: Was macht für Sie den speziellen Reiz des Staatstheaters Mainz aus?

G: Zuerst einmal ist es eine ganz besondere Sache, an einem Drei-Sparten-Haus zu arbeiten und zu erleben, wie sich auch die anderen Bereiche entwickeln. In der Oper pflegen wir den Ensemblegedanken. Durch die Tatsache, dass wir so hochkarätige, junge und spielfreudige Vokalsolisten haben, tun sich uns viele Möglichkeiten auf. Sänger sollten ständig Rollen erarbeiten, immer wieder zusammen auf der Bühne stehen, miteinander wachsen und sich dabei auch freuen. Wir merken immer wieder, dass es auch für die darstellerische Entwicklung eines Sängers sehr förderlich ist, wenn er über Jahre hinweg immer mit denselben Kollegen zusammen wirken und auf diese Weise kontinuierlich etwas aufbauen kann. Zum anderen ist Mainz ein sehr bedeutender reizvoller Ort, schon aufgrund seiner unglaublichen Geschichte. Man denke nur an seine römische Vergangenheit. Später war Mainz das Zentrum der deutschen Romantik. Es wundert mich, dass es im allgemeinen Bewusstsein noch nicht so sehr angekommen ist, welche Bedeutung es einmal hatte. Mit Weimar zusammen war Mainz doch die erste Republik in Deutschland.

www.mainz.de

OF: Wie verlief Ihre Eingewöhnungsphase? Haben Sie sich in Ihrer neuen Position gut eingelebt?

G: O ja, ganz vortrefflich. Ich gehe eigentlich jeden Tag mit Freude ins Haus. Es gibt zwar einiges zu tun. Das ist aber gerade gut, denn man kann viele Dinge anpacken.

OF: Wie wird der Opernspielplan unter Ihrer Ägide in den nächsten Jahren aussehen? Werden Sie vornehmlich das klassische Repertoire pflegen oder auch Vorstöße in Richtung moderne Oper unternehmen?

G: Das zeitgenössische Musiktheater liegt mir sehr am Herzen. Ich finde, dass die Erneuerung der Oper nur aus unserem Inneren heraus geschehen kann, von den Stücken und von den Regisseuren her. Opernhäuser dürfen nicht zu einem Museum erstarren; sie müssen jung und attraktiv bleiben. Natürlich kommt es bei einem Spielplan gerade in einer Landeshauptstadt wie Mainz auch immer auf eine gute Mischung an. Wir müssen demzufolge Werke des gesamten Repertoires anbieten, sowohl alte als auch neue. Wiederentdeckungen sind aber in jedem Fall sehr essentiell. Deshalb werden Stücke des 20. Jahrhunderts auch weiterhin in unserem Programm vertreten sein.

SALOME in Düsseldorf (www.rheinoper.de)

OF: Mainz liegt im Fadenkreuz mehrerer bedeutender Opernhäuser. Praktisch gleich nebenan liegen Frankfurt und Wiesbaden, wo ebenfalls hochkarätiges Musiktheater geboten wird. Was ist Ihrer Ansicht nach der Grund dafür, dass sich das Mainzer Staatstheater gegenüber dieser beachtlichen Konkurrenz so gut behaupten kann?

G: Matthias Fontheim hat in den letzten Jahren eine sehr gute Spielplanpolitik betrieben. Er präsentierte stets interessante Stücke und verpflichtete hervorragende Regisseure. Das war letztlich auch für mich ein Grund, hierher zu kommen.

OF: Welchen Rang nimmt Mainz nach Ihrem Dafürhalten in der deutschen Opernlandschaft ein?

G: Die Opernsparte am Staatstheater Mainz ist sicher nicht die größte. Es gibt einige Häuser, wo der Opernbereich ausgeprägter ist als bei uns. Andererseits ist gerade hier nachhaltig zu spüren, dass man auch mit einem relativ kleinen Ensemble eine hohe Qualität erreichen kann. Zudem sind wir in der deutschen Presselandschaft immer sehr präsent, was mich ungemein freut.

MAZEPPA (www.theaterbremen.de)

OF: Gewiss ist das hohe szenische Niveau der Mainzer Oper mit ein Grund dafür, der es im Vergleich mit auch größeren Opernhäusern so gut dastehen lässt. Hier haben in den vergangenen Spielzeiten so herausragende Regisseure/innen wie Katharina Wagner, Vera Nemirova und Tilman Knabe bei Publikum und Presse sehr erfolgreiche Produktionen aus der Taufe gehoben. Was tun Sie, um diesen hervorragend innovativen inszenatorischen Standard zu halten? Welche bedeutenden Opernregisseure werden Sie in den nächsten Jahren nach Mainz holen? Werden Namen wie Calixto Bieito, Stefan Herheim oder Olivier Py darunter sein?

G: Konkrete Namen möchte ich noch nicht nennen. Die Pressekonferenz für die nächste Saison steht uns ja noch bevor. Wir sind gerade daran, den Spielplan für die kommende Spielzeit noch einmal zu überarbeiten, was aufgrund der ja bereits oben erwähnten Einsparungsmaßnahmen, mit denen wir uns leider konfrontiert sehen, notwendig geworden ist. Natürlich wollen wir junge, frische und auch neue Regiehandschriften präsentieren, die mit einem radikalen Gegenwartsbezug an die Werke herangehen. Sie nennen in diesem Zusammenhang Calixto Bieito und Stefan Herheim. Bei diesen beiden Regisseuren weiß ich nicht, ob sie jetzt, nachdem sie diese Riesenkarriere gemacht haben, einen Schritt zurück machen und an ein kleineres oder - wie Mainz es ist - mittleres Haus kommen würden. Ich denke aber, dass wir auch ohne Namen dieses Kalibers mit interessanten Regiekonzepten aufwarten können.

OF: Insbesondere bei Bieito und Py handelt es sich um Regiegrößen, denen eine radikale und berüchtigte Inszenierungsweise anhaftet. Was sie manchmal verlangen, ist schon nicht gerade jedermanns Sache. Da kam es schon öfters mal zu heftigen Disputen zwischen Sänger/innen und Regisseur. Wie würden Sie als Operndirektorin sich verhalten, wenn es an Ihrem Haus zu derartigen Auseinandersetzungen zwischen den Beteiligten an einer Produktion käme?

G: Mir ist es sehr wichtig, dass ich die Regisseure, die ich verpflichte, sehr gut kenne, dass mir ihre Inszenierungen bekannt sind, dass ich weiß, wie sie arbeiten und was ich von ihnen zu erwarten habe. Innerhalb einer Produktion pflegen wir immer ein gutes Gesprächsklima. Wir haben ja schließlich alle dasselbe Ziel, nämlich eine hochqualitative Inszenierung zu erarbeiten. Und ich glaube fest daran, dass alle auftretenden Probleme durch Kommunikation zu lösen sind.

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER (www.deutscheoperberlin.de)

OF: Wobei ich persönlich das Gefühl habe, dass man Ihren Sängern/innen größtenteils auch darstellerisch einiges zumuten kann. Viele von ihnen weisen eine treffliche schauspielerische Ader auf. Die Möglichkeit, dass der eine oder die andere aus szenischen Gründen aus einer Produktion auszusteigen wünscht, besteht aber immer. Wird in Mainz in einem solchen Fall ein Gast geholt, der mit dem konkreten Regiekonzept zurecht kommt? Oder wie geht man sonst vor?

G: Das ist eine Frage, die sich so allgemein gar nicht beantworten lässt. Da muss man wirklich im Einzelfall schauen, worin die Unstimmigkeiten ihren Grund haben, ob die in Frage stehende Regieanweisung für die Inszenierung wesentlich ist und ob die Konflikte nicht auf andere Art beizulegen sind.

OF: Es mag viele Gründe geben, die einen Sänger bestimmen, von einer bestimmten Partie Abstand zu nehmen. Als Hauptargument wird meistens seine noch nicht genügend fortgeschrittene stimmliche Entwicklung angeführt, dass er oder sie sich für diese oder jene schwierige Rolle noch nicht reif genug fühlt. Wie würden Sie mit einer solchen Situation umgehen?

G: Wir müssen eben von Anfang an darauf achten, dass wir sinnvoll besetzen. Natürlich kann es zu Konflikten kommen. Das passiert immer wieder. Dann ist es am besten, in einer Arbeitsprobe zu klären, ob es wirklich berechtigte Gründe für eine Ablehnung gibt. Wenn sich dann herausstellt, dass es nicht geht, geht es eben nicht. Dann kann man den betreffenden Sänger auch nicht dazu zwingen. Man will ihn ja nicht kaputt machen. Dafür will ich auf keinen Fall die Verantwortung übernehmen. Ich habe unserem Ensemble schon mal behutsam angedeutet, was in der nächsten Spielzeit ansteht. An einem kleineren Haus wie Mainz mit fünf großen und zwei kleinen Premieren wird es immer wieder passieren, dass ein Gesangssolist mit der ihm zugedachten Rolle nicht so glücklich ist. Die wenigen Sänger, die wir haben, müssen schon viel abdecken. Das ist wahr. Trotzdem glaube ich, dass wir eine sehr seriöse, kluge und auch vorsichtige, aber durchaus nicht übervorsichtige Besetzungspolitik betreiben.

 www.Vlaamseopera.be

OF: Damit hätten wir ein allgemeines Problem v. a. kleinerer Opernbühnen bei ihrer Planung berührt. Wie ist es bei Ihnen: Erstellen Sie den Spielplan nach den Möglichkeiten Ihrer Sänger oder engagieren Sie Sänger für einen bereits fertigen Spielplan?

G: Letzteres wäre hier überhaupt nicht möglich. Ich glaube, bei diesem kleinen und feinen Mainzer Ensemble muss man auch wirklich für die Sänger das Programm erstellen. Man hat aber immer noch Möglichkeiten bei der Auswahl der Opern. Es kann durchaus sein, dass man von bestimmten Stücken mit Blick auf die Spielplanzusammensetzung auch etwas ganz Konkretes will. Aber dennoch berücksichtigen wir bei unserer Planung immer die uns zur Verfügung stehenden Stimmen.

OF: Auf jeden Fall hat die Mainzer Oper bei der Zusammenstellung ihres Ensembles in den letzten Jahren hohes Format bewiesen. Sogar Operette wird hier, wie ich neulich erst bei Lehars „Eva“ festgestellt habe, mit ersten Kräften besetzt. Regelrecht ins Auge springend ist der Fakt, dass viele Ihrer Sänger noch jung, aber dennoch stimmlich bereits wunderbar versiert sind. Die meisten von ihnen singen mit einer vorbildlichen italienischen Technik. Als Beispiele seien da nur Tatjana Charalgina, Vida Mikreviciute und Thorsten Büttner ausdrücklich genannt, die sicher alle einmal eine große Karriere machen werden. Bevorzugen Sie gleich mir den italienischen Gesangsstil?

G: Ja. Wobei es sich um Sänger handelt, die ich bereits von anderen Orten, wo ich inszeniert habe, her kannte und daraufhin hierher zum Vorsingen eingeladen hatte. Ich schätze sie aus vielerlei Gründen. Mit Thorsten Büttner durfte ich vor einigen Jahren an der Vlaamse Opera den „Eugen Onegin“ machen, in dem er den Lensky gesungen hat. Da lernte ich ihn als wunderbaren Sänger und sehr gutes Ensemblemitglied kennen. Ruth Staffa, die hier gerade die Isolde singt, war mir bereits aus Graz ein Begriff. Jose Gallisa ist mir in Bremen zum ersten Mal begegnet - ebenfalls in einer „Eugen Onegin“-Produktion, in der er den Fürsten Gremin verkörperte. So gab es immer wieder Sänger, die mich in der Arbeit über die Jahre hinweg begleiteten, und an denen ich schließlich hängen blieb.

Tatjana Gürbaca | Staatstheater Mainzwww.staatstheater-mainz.com

OF: Mainz war schon immer ein Sprungbrett für bedeutende Karrieren. Weltstars wie Wolfgang Schmidt und John Treleaven waren hier in ihren Anfängerjahren engagiert. Ich habe den Eindruck, dass es an der Mainzer Oper um die Förderung des sängerischen Nachwuchses gut bestellt ist. Sind der Aufbau und die Pflege junger Sänger/innen ein Hauptanliegen des Staatstheaters Mainz?

G: Auf jeden Fall ein wichtiges. Mit jungen, von der Universität und dem Peter-Cornelius-Konservatorium kommenden Sängern besetzen wir beispielsweise diese Spielzeit unsere Barock-Oper. Auch in sonstigen Produktionen im Kleinen Haus sind sie teilweise besetzt. Manchmal treten sie auch in kleineren Rollen im Großen Haus auf. Das Bestreben der Mainzer Oper, jungen Gesangssolisten auf diese Weise eine Gelegenheit zu geben, erste Bühnenerfahrungen zu sammeln, finde ich sehr instruktiv, weil es dem Theater eine sehr gute und frische Energie bringt.

OF: Könnten Sie sich vorstellen, eine Sofia Kallio, eine Katja Bördner oder eine Marysol Schalit, allesamt hervorragende junge Nachwuchssängerinnen und ausgesprochene Bühnentiere fest nach Mainz zu verpflichten?

G: Da stellt sich immer zunächst die Frage, ob überhaupt eine Vakanz besteht. Es ist ja nicht so, dass wir über endlose Kapazitäten verfügen, alle möglichen Gesangssolisten nach Mainz zu holen. Da müssen wir schon genau schauen, welche Stimmart uns gerade fehlt. Grundsätzlich bin ich aber sehr interessiert an jungen Sängern, die gerade am Start sind und für die das Staatstheater Mainz eine große Chance sein kann, weil sie hier auch in einem geschützteren und kleineren Rahmen bestimmte Partien ausprobieren können.

OF: Neben den genannten Vorzügen Ihres Hauses war es bisher immer ein etwas schmerzlicher Fakt, dass die besten Inszenierungen mangels Lagerungskapazitäten für die Ausstattung meistens nur eine Saison gespielt werden konnten. Nun hat Ihr Vertreter Carsten Jenss vor einiger Zeit verlauten lassen, dass er jetzt endlich eine Möglichkeit gefunden hätte, die Bühnenbilder auch über eine längere Zeit hinweg zu lagern. Bleiben die Produktionen der Mainzer Oper damit künftig mehrere Jahre im Programm?

G: Diese Information stimmt nicht ganz. Wir können Bühnenbilder nach wie vor nicht über mehrere Jahre lang hinweg lagern. Das stellt nach wie vor ein großes Problem dar. Diese Lagerungsmöglichkeiten gibt es eigentlich nicht bzw. nur sehr begrenzt. Wir müssen immer genau überlegen, welche Produktion wir über längere Zeit hinweg im Spielplan halten können. So ein Semi-Staggione-System, wenn ich es mal so nennen darf, hat aber auch durchaus seine Vorteile. Die Inszenierungen bleiben frisch und wir können sie stets auf ihrem besten Stand präsentieren. Wenn sie dagegen bereits drei Jahre laufen, sind sie oft schon verschlissen und die Sänger wissen oft gar nicht mehr genau, was sie da spielen und warum.

DIE ZAUBERIN (Tschaikowsky) http://vlaamseopera.be/nl/

OF: Besonders wünschenswert wäre insbesondere eine Wiederaufnahme der genialen „Tristan“-Inszenierung, mit der Regisseur Tilman Knabe gleichsam einen Meilenstein in der Rezeptionsgeschichte des Werkes geschaffen hat. Das Wagner-Jahr 2013 steht schließlich vor der Tür.

G: Das wäre wirklich mein großer Traum, 2013 diese wunderbare Produktion wieder anbieten zu können. Sie wäre ein ganz wesentlicher Baustein für dieses Wagner-Jubiläum. Wir suchen im Augenblick nach den Möglichkeiten dazu, was nicht so leicht ist. Da ist das letzte Wort aber noch nicht gesprochen.

OF: Wie werden Sie allgemein das Wagner-Jahr begehen?

G: Wir planen uns mehr dem Umfeld von Wagner zu widmen, den Antipoden und auch den Fortschreibern der Wagner’schen Musik. Wir beabsichtigen, den Wagner-Kosmos kreativ zu umkreisen. Aber Näheres darf ich noch nicht verraten und bitte, die Jahrespressekonferenz abzuwarten.

OF: 2013 feiert die Musikwelt neben Wagners auch Verdis zweihundertsten Geburtstag. Wie wird diese Tatsache in den Mainzer Opernspielplan eingehen?

G: Verdi ist ein Komponist, der für mich ganz wichtig ist - einerseits, weil er so radikal gegenwartsbezogen gedacht hat und andererseits, weil er ein Mensch war, der aufgrund seiner großen Liebe zum Theater wirklich in Szenen reflektiert hat. Für mich ist er der Urgroßvater aller Regisseure, weswegen er in unserem Programm immer vertreten sein wird.

OF: Von diesen beiden Meistern haben Sie selbst schon Opern auf die Bühne gebracht: 2007 inszenierten Sie an der Oper Graz Verdis „Rigoletto“ und an der Deutschen Oper Berlin ein Jahr später Wagners „Fliegenden Holländer“. Könnten Sie sich vorstellen, diese beiden Produktionen nach Mainz zu übernehmen?

G: Das wäre schon deshalb ein kleines Problem, als die Bühnen von Graz und Berlin ganz andere Dimensionen haben als unser Mainzer Haus. Zudem versuche ich im Augenblick wirklich, hier ein frisches Programm anzubieten und nicht anderswo bereits gelaufene Inszenierungen lediglich wieder aufzuwärmen.

CARMEN (http://oper-leipzig.de/)

OF: Neben Ihrer Tätigkeit als Mainzer Operndirektorin werden Sie auch weiterhin auswärts Regie führen. Erst zu Beginn der aktuellen Saison haben Sie in Antwerpen eine Neuinszenierung herausgebracht. Wie bringen Sie diese beiden Jobs unter einen Hut?

G: Ich habe vergangenen September und Oktober an der Vlaamse Opera den dritten Teil einer Tschaikowsky-Trilogie gemacht, die ich dort bereits vor zwei Jahren mit „Mazeppa“ und „Eugen Onegin“ begonnen hatte. Den Abschluss bildete jetzt „Tsjarodejka“, ein ganz unbekanntes Werk des Komponisten. Es ist wirklich nicht leicht, meine verschiedenen Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen. Matthias Fontheim hat mich ja nicht zuletzt deshalb nach Mainz geholt, weil ich mir als Regisseurin bereits einen Namen gemacht und einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatte. In Zeiten, in denen ich weg bin, halte ich trotzdem den Kontakt zu Mainz stets aufrecht, telefoniere täglich mit meinen wichtigsten Mitarbeitern und bin in jeder freien Minute mit meinem Kopf dennoch in Mainz.

OF: Sie können nicht an zwei verschiedenen Orten gleichzeitig sein. Was wäre, wenn es in Mainz mal „brennt“, während Sie irgendwo anders inszenieren?

G: Gott sei Dank sind wir ja in unserer Zeit so gut vernetzt, dass eine Verständigung jederzeit möglich ist. Vor kurzem habe ich mir außerdem die Bahncard 100 zugelegt, so dass ich frei bin, in jeden beliebigen Zug zu steigen und sofort nach Mainz zurückzukehren, wenn ich da dringend gebraucht werden sollte.

OF: Wo und bei was werden Sie in der nächsten Zeit am Regiepult sitzen?

G: Als nächstes steht in Mainz am 14. Januar 2012 eine Neuinszenierung von Verdis „Un ballo in maschera“ an. Am 4. Mai 2012 habe ich ebenfalls hier eine Premiere mit Alessandro Scarlattis wenig bekanntem Oratorium „Il primo omicidio overo Cain“, das mit Mitgliedern des Jungen Ensembles besetzt sein wird.

OF: Nach welchen Kriterien wählen Sie die Stücke aus, die Sie auf die Bühne bringen? Wie gehen Sie an diese heran? Wie entwickeln Sie Ihre Konzepte?

G: Als Regisseur hat man meistens nicht die Möglichkeit, sich die Werke selber auszusuchen. Meistens bekommt man sie von einem Intendanten angeboten. Dieser hat sich natürlich auch überlegt, warum er einem ein bestimmtes Stück anträgt. Die wichtigste Frage für mich ist dabei immer, was mir die betreffende Oper für unsere Gegenwart zu sagen hat. Bevor ich eine Entscheidung treffe, überlege ich mir stets genau, ob es einen in der Jetztzeit wurzelnden Grund gibt, warum ich gerade dieses Werk erzählen will oder sogar erzählen muss. Wenn ich das für mich selber verneine, sage ich die Produktion ab.

noch einmal DIE ZAUBERIN

OF: Sie inszenieren überwiegend Oper, Schauspiel eher weniger. Was ist dafür die Ursache? Liegt Ihnen das Sprechtheater nicht so sehr am Herzen?

G: Ich habe Opernregie studiert. Es war für mich sehr erstaunlich, dass ich schon bald nach dem Studium eigene Operninszenierungen bekommen habe. Wenn ich wenig Sprechtheater mache, liegt das vor allem darin begründet, dass die Vorlaufzeiten in der Oper viel länger sind als beim Schauspiel. Wenn dann wirklich einmal Angebote für Sprechtheater kamen, war ich meistens schon für Opernproduktionen fest verplant.

OF: Was macht Ihr Selbstverständnis als Regisseurin aus?

G: Ich bin, wie gesagt, eine Inszenatorin, für die die Verbindung zwischen den Stücken und dem Heute ganz wichtig ist. Demgemäß war Ihre Frage von vorhin auch ganz richtig gestellt. Ich entwickle meine Regieansätze sehr stark aus der Musik heraus. Wenn man davon ausgeht, dass eine Oper immer diese zwei Ebenen hat, die Musik und den Text, dann würde ich eigentlich ersterer eine größere Gewichtung beimessen. Ich finde, dass die Musik nicht nur ganz stark ein Timing vorschreibt, sondern auch eine Deutung dessen gibt, was vom Komponisten gemeint sein könnte.

 OF: Sie haben Meisterkurse bei Ruth Berghaus und Peter Konwitschny belegt. In welchem Ausmaße haben diese beiden Regie-Giganten Sie geprägt?

G: Stark! Von Konwitschny lernte ich in erster Linie, wie man Musik hört, liest und schließlich aus ihr heraus die szenische Interpretation gewinnt. Bei Ruth Berghaus bewunderte ich die Fähigkeit, mit Räumen und den Menschen darin umzugehen sowie ihre Art, sich einem Werk fast geographisch zu nähern. Darüberhinaus hatte sie ein unglaubliches Geschick, einen Faden zu spinnen. Sie hat eine Arie nie mit tausend möglichen Aktionen überfrachtet, sondern sie wirklich ganz konsequent durcherzählt und damit aus einem Thema stets etwas ganz Großes gewonnen.

OF: Beim Internationalen Regiewettbewerb in Graz gewannen Sie mit dem Thema „Parsifal“ den „Ring-Award“. Was bedeutet es für Sie, aus einem solchen als Siegerin hervorzugehen? Hat sich das positiv auf Ihre Karriere ausgewirkt?

http://www.ringaward.com/2011/

G: Diese Wettbewerbe sind für junge Regisseure ungeheuer wichtig. Leider gibt es davon noch viel zu wenige. Es ist ein großes Problem in der Nachwuchsarbeit, dass im Bereich der Oper so wenig kleine Formate existieren. Wieviel muss ich von einem Regisseur gesehen haben, um es wagen zu dürfen, ihn auch einmal eine größere Oper inszenieren zu lassen? Wann kann ich mich trauen, ihn eine große Choroper oder gar ein Musikdrama Wagners stemmen zu lassen? Das sind ganz grundsätzliche Fragen, bei deren Beantwortung solche Veranstaltungen eine große Hilfe sind. Auch mir hat der Grazer Wettbewerb viele Möglichkeiten erschlossen. Er stellt ein wunderbares Forum für junge Inszenatoren dar, ihre Arbeiten zu zeigen und auch Netzwerke zu knüpfen. Auf meine Karriere hat er sich sehr positiv ausgewirkt. Allein die Möglichkeit, meine Arbeit vor sehr vielen in der Jury sitzenden Intendanten zu präsentieren und überhaupt mal die Gelegenheit bekommen zu haben, mit Sängern zu arbeiten, konnte ich damals für mich gar nicht hoch genug verbuchen. Regie ist etwas, was man nicht allein daheim im stillen Kämmerlein machen kann. Man muss dabei auch immer mit den Sängern üben.

OF: Was hat in Ihnen eigentliche den Wunsch erweckt, Regisseurin werden zu wollen? Wie verlief Ihre Ausbildung?

G: Zur Regie bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Bereits im Alter von fünfzehn Jahren hatte ich einen Musiklehrer, der immer gesagt „Die Tatjana wird einmal Opernregisseurin“. Er war es dann auch, der mich als Statistin an die Deutsche Oper Berlin vermittelt hat. Zu diesem Zeitpunkt spielte ich mehrere Instrumente und dachte, eines davon einmal zu studieren. Nach der Schule habe ich mich aber zuerst zu einem Studium von Kunst- und Literaturgeschichte sowie der Theaterwissenschaften entschlossen, weil das Wunschfächer von mir waren. Während meiner Zeit als Studentin habe ich dann aber sehr schnell gemerkt, dass mich diese Metiers zwar noch nach wie vor interessierten, sah aber allmählich keine Perspektive mehr, was ich mit ihnen anfangen sollte. Sie kamen mir so unglaublich praktischfern vor. Zu diesem Zeitpunkt erfuhr ich von dem Studiengang Opernregie, den es damals nur dreimal in Deutschland gab, und zwar in Berlin, München und Hamburg. Da war es dann auch ziemlich schnell klar, dass mich die in diesem starken Spannungskreuz zwischen der Komischen Oper, der Deutschen Oper, der Staatsoper und dem Berliner Ensemble liegende Ausbildungsstätte mit den theoretischen und praktischen Ansätzen Felsensteins und Brechts am meisten interessierte. Als ich dann die Aufnahmeprüfung auf Anhieb bestand, war ich darüber sehr glücklich. Dennoch habe ich noch eine ganze Weile lang in Erwägung gezogen, vielleicht einmal Dramaturgin zu werden. Erst während des Regie-Studiums wurde mir bei der Zusammenarbeit mit Sängern irgendwann klar, dass es wirklich gerade diese Arbeit ist, die ich kann und auch machen will. Damals erkannte ich, dass es für mich ganz essentiell und auch existentiell ist, mit Menschen umzugehen, ein Team um mich zu haben und Geschichten zu erzählen, die sich mit uns befassen und über die wir unsere eigene Gegenwart und Gesellschaft reflektieren können.

OF: Eine letzte Frage: Bei welchem Werk, das Sie bislang noch nicht inszeniert haben, würden Sie besonders gerne einmal Regie führen?

G: Unbedingt den „Don Carlo“. Allgemein alles von Verdi. Und natürlich Wagner-Opern. Zudem würden mich die noch unentdeckten zeitgenössischen Stücke sehr reizen.

OF: Liebe Frau Gürbaca, wir bedanken uns sehr herzlich für das Interview.

 

 

Interview: Ludwig Steinbach

 

 

 

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