DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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GÖTEBORG

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DAS RHEINGOLD

Premiere 17. November 2018

Gelungener Start eines neuen nordischen Rings

Schon im April 2007 erlebte ich in der erst 1994 am Hafen entstandenen Göteborgs Operan einen sehr gelungenen „Parsifal“ in der Neuinszenierung von Yannis Houvardas. Das nun beginnende Großprojekt des in jeder Hinsicht beeindruckenden Hauses, Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, bis 2021 innerhalb von vier Jahren zu inszenieren, war also mehr als Grund genug, wieder nach Göteborg zu fliegen. So stand die Premiere des Vorabends „Das Rheingold“ auf dem Programm. Die Erwartungen wurden ebenso erwartungsgemäß nicht enttäuscht. Der Künstlerische Direktor des Mehrspartenhauses für Oper und Drama, der auch in der Wagner-Szene keineswegs unbekannte Stephen Langridge, übernahm die Regie der Tetralogie mit Alison Chitty als Bühnenbildnerin und Kostümdesignerin, und dem Lichtdesigner Paul Pyant, dessen phantastischer Arbeit bei dieser Produktion eine ganz große Rolle zukommt.

 

Die Göteborgs Operan hat sich damals nicht nur beim Bau des Hauses sondern auch in ihren laufenden Produktionen mit größtem Interesse der Umweltverträglichkeit verschrieben. Das geht hinein bis ins kleinste Detail des mit 1.300 Plätzen ausgestatteten Hauses am Ufer der Göta. Die Umweltverträglichkeit des Hauses wurde als einzigem Theater in Nordeuropa mit dem Zertifikat der EMAS ausgezeichnet. Auf dem Dach befinden sich Solarpaneele in der Größe von beinahe drei Tennisplätzen! Der „Ring“ von 2018-2021, dem Jahr des 400. Geburtstags der Stadt Göteborg, soll ebenfalls eine ökologisch nachhaltige Produktion werden - eine „grüne Oper“! Mit Natalja Koniouchenkova hat man dafür sogar einen Environmental Project Coordinator verpflichtet!

Im Rahmen eines Künstlergesprächs am 7. November erzählte die Ausstatterin Alison Chitty, wie sie über allerlei Recycling-Höfe gewandert ist, um second hand Klamotten für die Kostüme und zum Recycling freigegebenes Baumaterial für die Bühnenbilder zu suchen. Sie war überrascht, was da alles zu holen war. Und man glaubt es kaum, wenn man die Bühnenbilder und Kostüme sieht, dass diese offenbar fast kostenneutral besorgt bzw. erstellt wurden. Das einzige, was sogleich als doch relativ schlicht auffällt, ist der riesige Bühnenkasten aus unbemalten Pressspanplatten.

Sie werden bekanntlich aus dem Abfall von Holzzuschnitten hergestellt. Aber daran gewöhnte man sich schnell auf der Riesenbühne mit einem Proszeniumsausschnitt von 20 mal 9 Metern und einer Gesamtbühnenfläche von 1.900m2, die an das Salzburger Festspielhause erinnert. Schon bevor es los geht, sieht man auf einem transparenten Vorhang die schwedischen Worte „HUR ALLT BÖRJADE“, i.e. „Wie alles begann“, also passend zum Thema des Vorabends. Einige Statisten stehen, bzw. sitzen bereit für Umbauarbeiten der Bühne, um die drei kommenden Bilder des „Rheingold“ im Fluss mit der Musik umzugestalten. Das läuft perfekt und wirkt keinen Moment störend. Ja, es vermittelt unterschwellig den Eindruck einer offenen, ja „demokratischen“ Inszenierung, in der wir Zuschauer scheinbar mitmachen - ein insbesondere in Skandinavien relevanter Topos. Man hat mit Annika Lindqvist sogar einen sog. Bewegungsinstrukteur verpflichtet.

Trotz der somit relativ nüchternen Bühnenästhetik versteht das leading team den Zuschauer unmittelbar in das Stück hineinzuziehen. Obwohl „Das Rheingold“ noch nicht von Menschen handelt, möchte der Regisseur die Handlung, die Figuren und Elemente auf die menschliche Ebene ziehen, auch um zu zeigen, wie wir Menschen uns untereinander und gegenüber der Natur verhalten.

Natürlich schwebte Wagner auch im „Rheingold" schon die Vermenschlichung seiner „Rheingold“-Figuren vor, hier wird es aber auch bildlich vollzogen. So sehen wir schon während des Es-Dur Akkords aus dem weiten Graben (bis zu 100 Musiker) Menschen aller Provenienz langsam von links nach rechts über die Bühne schreiten, bisweilen durch Spiegelung verdoppelt, womit der langsam dahin fließende Rhein personifiziert werden soll. Ähnlich, aber statischer, hat es schon Andreas Kriegenburg im Münchner „Ring“ gemacht. Auch das Rheingold wird hier personifiziert. Es ist ein total vergoldeter Junge, der sich immer wieder aktiv in das Geschehen einmischt, so zu Beginn mit den Rheintöchtern im Goldglanz tanzt. Im Hintergrund der „Rheinwanderer“ ist ein sich küssendes junges Paar zu sehen, unter einer geschlossenen Metallumrandung, offenbar natürliche Harmonie symbolisierend. Wenn Alberich auf die Szene tritt, lässt er diese Umrandung kurzerhand durch das Bühnenpersonal auseinander reißen - das Unheil hat begonnen! Gleichzeitig begibt Wotan sich zur Weltesche, die am Bühnenhintergrund noch voll beblättert steht, und dort das ganze Stück auch stehen bleibt, und schneidet den berühmten Ast ab - dabei ein Auge verlierend. Man sieht eine rötlich leuchtende Narbe, also eine blutende Wunde am Stamm. Auch durch Wotan ist also ein Bruch mit der unversehrten Natur geschehen, freilich aus etwas anderen Motiven als den niederen von Alberich. Beiden aber geht es um die Kontrolle der Welt, also um Macht. Stephen Langridge akzentuiert hier, was die Hauptaussage seiner „Ring“-Interpretation zu werden scheint: Wer der Welt Schaden zufügt, schadet der Menschheit. Was könnte derzeit aktueller sein als diese Erkenntnis, in fast jeder Hinsicht?!

Im weiteren Verlauf tritt dann eine Gruppe von Metalltreppen hinzu, die zu immer neuen Konstellationen zusammen gestellt werden und so Abstufungen und erhöhte Mobilität auf der Bühne erlauben. Einfache Metallrahmen dienen zur Festsetzung der Götter auf der immer wieder in Gang gesetzten Drehbühne, während Wotan und Loge in Nibelheim sind, wohin sie durch eine Öffnung im Boden über eine Leiter hinab steigen. Freia wird in einem Glaskasten völlig - fast völlig- mit Säcken von Gold überhäuft. ZU all dem ist nun die wirklich phantastische Lichtregie von Paul Pyant hervorzuheben, die über einen Scheinwerfer-Kranz über der Bühne die Szenen in eindrucksvolle, immer wieder auch intensive Farben taucht, total im Einklang mit der jeweiligen Aussage, ja, man meint manchmal auch im Einklang mit Wagners Leitmotiven… Das Licht wird in Göteborg zum dramaturgischen Stilmittel bei einem Regieansatz, der sich vornehmlich auf das sog. story telling konzentriert, aber mit selten oder gar noch nie erlebten, immer aber schlüssigen Ideen und stets treu Wagners Botschaften. In Göteborg wird einmal mehr gezeigt, wie überzeugend man den „Ring“ mit modernen Stilmitteln des Theaters und neuen Ideen in Szene setzen kann, ohne auf banale und die oft schon postmodernen stereotypen Elemente des sog. Wagnerschen Regietheaters zu setzen. Bei völliger Abwesenheit von Uniformen, Schiebermützen und Koffern kommt diese Produktion mit relativ wenigen Mitteln aus und hat das Göteborger Opernpublikum mit Begeisterung überzeugt.

Auch im musikalischen Bereich gibt es nur Gutes zu berichten. Es ist schon bemerkenswert, dass die Göteborgs Operan die meisten Rollen mit dem Ensemble besetzen kann. Anders Lorentzson spielt einen souveränen Wotan und singt ihn auch mit einem entsprechenden, klar intonierenden und bestens phrasierenden Bassbariton. Dem darstellerisch ungemein agilen Alberich von Olafur Sigurdason mangelt es eben an dieser Phrasierung seines kräftigen Baritons ein wenig, der damit etwas zu einsilbig klang, aber sehr höhensicher ist. Er gab aber eine gute Rollenstudie nach einem totalen Zusammenbruch infolge des Verlusts des Rings durch Abhacken des Fingers und wartete danach mit einem eindrucksvollen Fluch auf. Brenden Gunnell war mit einem kräftigen, ins Charakterfach weisenden Tenor ein erstklassiger Loge, absolut auf Augenhöhe mit Lorentzson. In rotem Gewand mit Zylinder bei bester Diktion trieb Gunnell mafiös das Interesse der Götter voran. Allein damit war die Dynamik dieses „Rheingold“ schon gesichert. Mit einem klangschönen, lyrisch timbrierten Bass wartete Henning von Schulmann als Fasolt auf, der sich damit für höhere Weihen empfahl. Sein Bruder Fafner war Mats Almgren mit einem etwas verquollenen Bass-Timbre. Die Riesen trugen die gelben Warnwesten, die man vor einigen Tagen bei den „Gilets jaunes“ in Paris sehen konnte… Katarina Karnéus sang mit klangvollem Mezzo eine bourgeoise Fricka. Carolina Sandgren überzeugte als Freia mit einem jugendlichen klaren Sopran und guter Mimik. Tomas Lind sang einen Froh mit etwas nasalem Tenor, Mats Persson einen prägnanten Donner und Daniel Ralphsson einen ansprechenden Mime. Auch die drei Rheintöchter sangen und agierten auf erfreulichem Niveau, i.e. Mia Karlsson als Woglinde, Frida Engström als Wellgunde und Ann-Kristin Jones als Flosshilde. Eine besondere Rolle kommt der Erda in dieser Produktion zu. Sie liegt schon von Beginn an in einem Glaskasten an der Bühnenseite und scheint das Treiben, nichts anderes als die Entwicklung der (damaligen) Welt, im Schlaf zu registrieren.

Bei ihrem großen Auftritt kam es zu einer überaus zärtlichen und in die Zukunft weisenden Annäherung an Wotan, der danach emotional zusammenbricht - ein ganz starker Moment! Danach legte sie sich wieder in ihren Glaskasten zum Schlaf… Hege Hoisaeter sang die alles im Blick habende Urmutter mit warm timbrierten Mezzo.

Evan Rogister dirigierte das Göteborgsoperans Orkester mit relativ schnellen Tempi, die das lebhafte Geschehen auf der Bühne bestens in musikalische Dimensionen übersetzten. Hier wurde offenbar sehr gut geprobt, denn das Orchester, das vor Jahren schon mal Bekanntschaft mit der „Walküre“ gemacht hatte, ließ großes Verständnis für die Musik des Bayreuther Meisters erkennen.

Im Finale stellte sich der Regenbogen als rotierender Ring um die Szenerie dar, auf dem die Haushalsgüter Walhalls aus Plastik in den Farben der bunte Himmelserscheinung liegen – darunter auch der Goldjunge… Man dachte sofort an Rosalies Regenbogen aus Plastikeimern weiland in Bayreuth. Man kann jedenfalls gespannt auf die „Walküre“ in etwa einem Jahr sein. (weitere Aufführungen: 2., 5., 7., und 9.12.2018).  

                                  

Fotos (c) Mats Bäcker

Klaus Billand  30.11.2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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