DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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www.iteatri.re.it/

 

 

 

ANDREA CHÉNIER                 

Teatro Municipale Valli

Vorstellung am 3.3. (Premiere am 1.3.)

Tolle Stimmen

Diese Gemeinschaftsproduktion der Häuser von Modena, Piacenza, Reggio Emilia, Ravenna, Parma und der Opéra de Toulon hatte bei allen bisher stattgefundenen Vorstellungen Scharen von Opernfans und vor allem auch Stimmfetischisten angezogen, ist Umberto Giordanos Hauptwerk doch eine Goldgrube an reichen Einfällen für die drei Protagonisten und hat auch mehrere lohnende Nebenrollen.

Und der Ausflug in die emilianische Stadt mit ihren rund 170.000 Einwohnern hat sich wahrlich gelohnt. In der Titelrolle der in Porto Alegre geborene Deutschbrasilianer Martin Muehle, der mir vor einigen Jahren in der Fernsehübertragung einer „Aida“ aus St. Margarethen aufgefallen war. Meine Nachforschungen im Netz ergaben, dass er nach seinem Gesangsstudium in Lübeck von 2002-2004 in Österreich gelebt hat und in Bad Ischl und Baden aufgetreten ist. Dann kehrte er nach Brasilien zurück, wo er eine zwar schöne, aber nicht internationale Karriere machte. Seit 2013 lebt Muehle (der heuer immerhin 50 Jahre alt wird) wieder in Deutschland, und seither tut sich etwas bei seinen Engagements. Ich hoffe, die Leser haben Nachsicht mit dieser langen Einleitung, aber ich wollte wissen, wieso eine Stimme dieser Qualität bis vor Kurzem relativ unbekannt war. (Ich kann nur annehmen, dass er aus familiären Gründen in Brasilien geblieben ist). Nun, wir haben es mit einem authentischen Spintotenor zu tun, der auf einer schön breiten und dunkel timbrierten Mittellage eine bombige Höhe aufbaut, die bei bester Stütze fast wie von selbst aufzugehen scheint. In seinem eleganten Auftreten und der sparsam eingesetzten Gestik erinnert er mich ein wenig an José Carreras. Jedenfalls ein Chénier, wie er im Büchel steht (der allerdings mit seinen drei großen Arien und den Duetten (toller Stimmansatz bei „Ora soave“) mehr Eindruck machte als mit gewissen romantisch-schwärmerischen Phrasen im 2. Akt, wie etwa „Io non ho amato ancora“.

An seiner Seite die grandiose Saioa Hernández, die mit ihrem ausladenden, gleichmäßig in den Registern verbundenen, ausdrucksvollem Sopran und intensivem Spiel (wobei ihr auch die naive Aristokratin des 1. Aktes besser gelang als mancher Fachkollegin) einen solchen Begeisterungssturm und Bis-Rufe nach „La mamma morta“ auslöste, dass sie die Arie tatsächlich wiederholte. (Es spricht auch menschlich für die Künstlerin, dass sie ihre Verträge mit diesen kleineren Häusern, denen sie ihre Entdeckung verdankt, einhält, obwohl mehrfach, wie z.B. vom Teatro San Carlo in Neapel für „Ballo in maschera“, versucht wurde, sie „abzuwerben“).

Der dritte im Bunde der hervorragenden Protagonisten war Claudio Sgura, dem es gelang, die Wandlung vom gegenüber Maddalena auch Gewaltbereiten zum reuevollen Selbstankläger szenisch wie vokal deutlich zu machen: Auch sein „Nemico della patria“ wurde mit Beifallsstürmen bedankt.

Neben diesem Dreigestirn zeichneten sich vor allem die Bersi der Japanerin Nozomi Kato mit schauspielerischem Geschick und die Orchesterwogen gut überwindendem Mezzo und die Madelon von Antonella Colaianni aus, die ihre tränentreibende Szene mit großer Intensität gestaltete. Sehr angenehm klang auch der Mezzo der bildhübschen Shay Bloch (Contessa di Coigny), die allerdings mit ihrer Rolle nichts anzufangen wusste und auch von der Maske nicht unterstützt wurde, da sie jünger als ihre Tochter wirkte. Der Brasilianer Fellipe Oliveira war ein guter Sansculotte Mathieu, aber in dieser Rolle ist mir Alois Pernerstorfer unvergesslich. Alfonso Zambuto, ein Schüler von Mirella Freni, gab einen stimmlich und darstellerisch beweglichen Incroyable. Alex Martini (Fléville und Fouquier-Tinville), Roberto Carli (Abbé) und Luca Marcheselli (Majordomus und Dumas) ergänzten zufriedenstellend, während Stefano Marchisio (Roucher) und Stefano Cescatti (Schmidt) eher dumpf klangen.

An der Spitze des Orchestra Regionale dell'Emilia-Romagna stand Aldo Sisillo, der keine besonderen Akzente setzte, aber alles gut zusammenhielt. Die Associazione Coro Lirico Terre Verdiane aus Modena unter Stefano Colò konnte sich zwar nicht mit ihren Kollegen in Piacenza messen, machte ihre Sache aber sehr ordentlich.

Sehr geschickt war die Bühnenbildlösung von Justin Arienti. Der 1. Akt ging unmittelbar in den 2. über, nachdem bewaffnete Aufständische zunächst die Gräfin Coigny getötet und dann das große, Marie Antoinette mit ihren Kindern darstellende Gemälde in ihrem Salon heruntergerissen hatten, wonach der um die Guillotine tanzende Pöbel zu sehen war. Die Guillotine blieb in verschiedenen Positionen bis zum Schluss auf der Bühne, wobei es dem Zuschauer gar nicht bewusst wurde, dass es sich im Grund um ein Einheitsbühnenbild handelte, so geschickt wurde es mit ein paar Versatzstücken in den jeweiligen Schauplatz verändert. Die Kostüme von Edoardo Russo entsprachen der Epoche, in welcher die Oper spielt. Regisseur Nicola Berloffa bewegte den Chor geschickt, ließ, um Aktualität zu suggerieren, den Incroyable eine Sonnenbrille tragen und Gérards alten Vater während dessen Monologs mit dem Kopf wackeln, um Gebrechlichkeit anzuzeigen (allerdings ließ er den alten Mann die längste Zeit mit einem Sessel in der Hand stehen, ohne ihm zu helfen). Störend war auch, dass im 4. Akt während Chéniers Arie Gefangene hereinströmten, was ablenkend wirkte. Sodass diese Details dem Gesamteindruck keinen Abbruch taten. Andererseits zog sich der Regisseur angesichts der Tatsache, dass es im 1. Akt kein Ballett gab, mit Hilfe von Choristinnen geschickt aus der Affäre, sodass diese Details dem Gesamteindruck keinen Abbruch taten.

Großer Jubel des Publikums, das die Künstler ausdauernd feierte.          

 

Eva Pleus 5.3.19

Bilder: Alfredo Anceschi

 

 

 

 

LA GIOCONDA

Teatro Romolo Valli 8.4.18 (zweite Vorstellung)

Grand-opéra a l'italienne

Drei der Mehrspartenhäuser der Emilia-Romagna, nämlich die Theater von Piacenza, Modena und Reggio Emilia, hatten sich für eine Koproduktion von Amilcare Ponchiellis Hauptwerk zusammengetan. Ein Bahnstreik vereitelte meinen Besuch in Piacenza, sodass ich erst in Reggio in den Genuss der zuvor auch schon in Modena umjubelten Aufführung kam.

„La Gioconda“ basiert auf dem Stück „Angelo, tyran de Padoue“ von Victor Hugo, das von Verdis späterem Librettisten Arrigo Boito unter dem Pseudonym Tobia Gorrio zum Textbuch für den Komponisten aus Cremona umgearbeitet wurde. Die Oper ist typisch für einen Zeitraum, die Siebziger- und Achtzigerjahre des 19. Jahrhunderts, als man Verdi schon verstummt glaubte und in seinem Fahrwasser weitergearbeitet wurde, ohne wirklich Neues zu schaffen, das erst mit dem Verismo kommen sollte. So entstand eine grand-opéra à l'italienne, mit Ballett (dem berühmten 'Tanz der Stunden') und so zahlreichen melodischen Einfällen, dass sie für mehrere Werke gereicht hätten, denn nicht nur „Cielo e mar“ des Tenors oder „Suicidio“ des Soprans sind Ohrwürmer, sondern als Beispiele unter vielen seien auch das große Duett Sopran-Mezzo und die Barkarole des Baritons im 2. Akt genannt, ganz zu schweigen vom den 3. Akt beschließenden Ensemble. Das Geschehen in Venedig um die Straßensängerin Gioconda, den von ihr geliebten, aus der Stadt verbannten Enzo, den Würdenträger Alvise Badoèro, dessen Gattin Laura mit ihrer Jugendliebe Enzo fliehen will, und die Ränke des Spions Barnaba fällt von einem coup de scène in den nächsten und ist manchmal gefährlich nah am Grand Guignol angesiedelt. Aber welche Spannung erzeugt diese Musik, welche stimmlichen Möglichkeiten gibt sie den Sängern!

Diese Produktion war außerdem eine Augenweide: Das Bühnenbild von Andrea Belli evozierte mit wenigen Versatzstücken die Atmosphäre Venedigs – es genügte etwa eine Fahne mit Wappen im 1. Akt, ein Segel und eine Treppe im 2. Das Wasser war allgegenwärtig und wurde von der raffinierten Lichtregie der Fiammetta Baldiserri wiederholt auf den Plafond des Zuschauerraums reflektiert (wobei die Sänger durchaus nicht im Wasser standen, wie wir es in den letzten Jahren wiederholt gesehen haben). Das 1. Bild war von bestechender Ästhetik: Hier erinnerte die Beleuchtung an die Goldoni-Inszenierungen von Giorgio Strehler. Sehr passend auch die kleidsamen Kostüme von Valeria Donata Bettella; besonders beeindruckend war die bedrohliche schwarze Gewandung des Chors im 3. Akt. In diesem Umfeld hatte der Regisseur Federico Bertolani leichtes Spiel, denn mit Ausnahme der wieder einmal unnötigerweise „illustrierten“ Ouverture führte er die Interpreten geschickt; sie alle überzeugten schauspielerisch. Dazu gesellte sich die Choreographie von Monica Casadei, der es gelang, ihre acht Tänzer auf relativ geringem Raum einen überzeugenden 'Tanz der Stunden' interpretieren zu lassen.

Die Oper wird in den letzten Jahren auch seltener angesetzt, weil sie an die Sänger höchste Anforderungen stellt. In diesem Fall war es gelungen, ein mehr als beachtliches Ensemble zusammenzufügen, aus dem die Vertreterin der Titelrolle besonders herausragt: Die Spanierin Saioa Hernández verfügt über einen echten Spintosopran, der mühelos auch den Chor überstrahlt. Die furchtlosen Höhen sind nicht nur beeindruckend, sondern vor allem auch schön, nichts klingt schneidend. Aber auch die in dieser Rolle besonders geforderten tiefen Noten werden ohne hörbaren Registerwechsel mit Bruststimme voll ausgesungen. Schön, dass es diese stimmlichen Entdeckungen noch gibt! Für sein Debüt als Enzo hatte sich Francesco Meli diese mittelgroßen Häuser ausgesucht. Er tat gut daran, denn die Rolle führt ihn im Moment noch an sein Limit (ich habe in der Partie live bisher Bergonzi, Carreras, Domingo und Cura gehört). Das erwies sich auch beim Dacapo von „Cielo e mar“, das er nach einem langen Jubelsturm und intensiven „Bis“-Rufen wiederholte und dabei schon etwas ermattet klang. Ansonsten sang er mit der von ihm gewohnten Qualität, phrasierte wunderbar und gab wieder einmal eine Lektion in fabelhafter Diktion.

Eine sehr gute Laura war Anna Maria Chiuri, deren Mezzo sowohl gut zu Melis Tenor, aber auch zu Hernández' Sopran passte. Für ihre blinde Mutter brachte Agostina Smimmero zwar nicht die verlangte Altstimme, aber einen sehr pastosen Mezzo mit, sodass ihr Gebet im 1. Akt wirklich berührte. Sebastian Catana war ein recht derb singender Barnaba mit allerdings beeindruckender baritonaler Stimmfülle. Giacomo Prestia überzeugte zwar mit seinem arroganten Auftreten als fieser Alvise, aber sein Bass klang viel zu trocken und ließ bei allen Noten, die die Mittellage überschritten, aus. Die Comprimari waren zufriedenstellend. Mehr als das war der Chor des Teatro Municipale di Piacenza, der unter seinem Leiter Corrado Casati so kraftvoll wie nuanciert sang. Daniele Callegari am Pult erwies sich als erfahrener Routinier im positiven Sinne und hielt nicht nur das gesamte Gefüge zusammen, sondern spornte das Orchestra Regionale dell'Emilia Romagna zu sehr musikantischem Spiel an.

Das Publikum im übervollen Haus hatte immer wieder reichlich Szenenapplaus gespendet und feierte die Künstler am Ende enthusiastisch und lautstark.                  

Eva Pleus 9.4.18

Bilder: Alfredo Anceschi

 

 

 

 

LA WALLY

Premiere in Piacenza: 17.02.2017

besuchte Aufführung in Reggio nell’Emilia: 05.03.2017

 

Lieber Opernfreund-Freund,

dass Übung den Meister macht, war am gestrigen Sonntag im norditalienischen Reggio nell’Emilia zu erleben. Dort fand die Derniere der überzeugenden Berloffa-Produktion von Alfredo Catalanis erfolgreichster Oper „La Wally“ statt, über deren Premiere vor gut zwei Wochen ich Ihnen bereits berichten durfte. Nach insgesamt drei Aufführungen in Piacenza und je zwei in Modena und Reggio nell’Emilia haben alle Beteiligten nicht nur die Premierennervosität abgelegt, sondern in ihren Rollen ein gutes Stück Routine erlagt, so dass die Aufführung szenisch und musikalisch noch runder und wie aus einem Guß von statten gehen konnte, als schon zur Premiere.

Nicola Berloffa, der in seiner Inszenierung die eisige Atmosphäre, die rund um Wally herum in Natur und Gesellschaft herrscht, in das Zentrum seiner Betrachtung stellt, ist eine dichte und überzeugende Produktion gelungen, die keiner Aktualisierung des Stoffes bedarf. Das Drama der gesellschaftlichen Außenseiterin ist ihm Drama genug, so dass er in der eindrucksvollen Kulisse von Fabio Cherstich schlicht die Geschichte rund um Liebe, Hoffnung und Kränkung erzählt, die in Wallys Freitod mündet, nachdem das so nahe Happy-End von einer Lawine zerstört wird, die ihren Giuseppe mit sich in die Tiefe reißt. Dazu hat der aus Lucca stammende Alfredo Catalani wunderbare Melodien erdacht, die einerseits Lokalkolorit versprühen, wie beim Ländler, den Walter zu Beginn des ersten Aktes zum besten gibt oder dem Tanz der Dorfgemeinschaft in Akt zwei, andereseits aber eine sinfonisch extrem dichte Tonsprache aufweisen, wie im atmosphärisch bedrückendenden Finalakt. Francesco Ivan Ciampa hat die musikalische Leitung inne und wählt mitunter recht gemessene Tempi, die die kraftraubenden Melodienbögen für die Sänger noch anstrengender machen, ihm aber gleichzeitig die Möglichkeit geben, so überraschende wie farbenreiche Tempiwechsel einzubauen und so die an sich schon klanglich bunte Partitur noch mehr auszumalen. Das Orchestra Regionale dell Emilia Romagna beherrscht diese nun auch in vollem Maße, selten habe ich das Blech in dieser Oper so ausgewoen gehört und vor allem die Harfinistin Elena Meozzi findet einen so überzeugenden Anschlag, der ihr zartes Instrument besonders im Vorspiel zum vierten Akt in ein ganz besonderes Licht rückt.

Über die stimmliche Kraft von Zoran Todorovich, der den Hagenbach singt, habe ich bereits bei der Vorstellung in Piacenza nur lobende Worte gefunden. Und auch am gestrigen Sonntag ließ sich der aus Serbien stammende Tenor nicht lumpen und warf sich überzeugend und mit Begeisterung in seine anspruchsvolle Rolle. Das dunkle, recht brustige Timbre von Saioa Hernandez war zu Beginn noch ungewohnt. Ihre Art zu singen und ihr überzeugendes Spiel haben mich aber von Takt zu Takt mehr überzeugt, so dass ich schon zum Ende des ersten Aktes ein regelrechter Fan ihrer Darstellung der Wally geworden bin. Ihr kraftvoller Sopran meistert die Rolle mit Bravour und wird in der großen Szene mit Walter im Finalakt zu einer klanglichen Einheit mit dem ebenfalls eher dunkel gefärbten Sopran von Serena Gamberoni. Die Sängerin glänzt mit wundervollen Koloraturen und macht die Hosenrolle Walter zu einem Ereignis. Claudio Sgura als verschmähter Gutsverwalter Gellner zeigt seinen eindruckvollen Bariton und überzeugt mit einer gekonnten aus Gefühl und Kraft. Mattia Dentis Pedone überzeugt von den klerineren Rollen am meisten, aber auch Carlotta Vichi als Afra und Giovanni Battista Parodi als Stomminger komplettieren das tolle Ensemble. Glänzend aufgelegt ist auch der Coro del Teatro Municipale di Piacenza.

Man hört den Sängerinnen und Sängern an, dass sich Chorleiter Corrado Casati intensiv mit den einzelnen Stimmen befasst hat, so homogen ist das klangliche Gesamtbild, dass diesen Hochgenuss krönt. Das Haus in Reggio nell’Emilia verfügt aber auch über eine ausgezeichnete Akustik, dank derer man als Zuhörer das Gefühl hat, mitten im Geschehen zu sein. Wenn dann noch eine so überzeugende Regie und talentierte und engagierte Sängerinnen und Sänger hinzu kommen, kann es ein so auf ganzer Linie überzeugender Nachmittag werden wie gestern.

Das Publikum im ausverkauften Haus ist also zu Recht begeistert. Die gelungene Inszenierung ist dem Vernehmen nach dann in der kommenden Spielzeit rechtzeitig zu Catalanis 125. Todestag in dessen Heimatstadt Lucca am Teatro del Giglio noch einmal zu erleben.

Ihr Jochen Rüth / 06.03.2017

Die Fotos stammen von Alessia Santambrogio.

 

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