DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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GEORGE PETEAN

Das Angebot, den „Macbeth“ 2016 in Zürich zu singen, hat George Petean nicht angenommen, weil es ihm für die Rolle zu früh erschien. Aber 2015 in Wien singt er ihn nun doch erstmals, weil er die Staatsoper nicht im Stich lassen will, die ihn wiederum aus einem Vertrag in Liège herauskaufen musste. Von den Unwegsamkeiten des Operlebens angesichts eines 40jährigen Baritons mit bereits großer Karriere.

Petean 
 


Herr Petean, eigentlich wollten Sie den Macbeth ja noch einige Zeit nicht singen?

Das stimmt, aber als die Staatsoper angefragt hat und weil Wien für mich das wichtigste Haus ist, habe ich doch zugesagt. Mit sehr, sehr wenig Zeit, die Partie zu lernen – am 10. August habe ich erstmals die Noten geöffnet, denn die Anfrage kam durch die Erkrankung von Ludovic Tézier nicht wie üblich langfristig, ein paar Jahre zuvor, sondern plötzlich. Aber ich glaube, Macbeth ist nicht schwieriger als Rigoletto, zwar sehr dramatisch und intensiv, aber kürzer. Schade finde ich, dass er nicht so viel Belcanto bietet, wie ich es für meine Stimme gerne habe. Jedenfalls habe ich erst einmal mit einer Freundin in Rom die Rolle studiert, dann bin ich zu Giorgio Zancanaro gefahren, der in der Nähe von Verona lebt. Ich bin jedes Jahr bei ihm, um mit ihm zu studieren, und da habe ich die Rolle dann fertig gelernt.

Wenn man aus Rumänien stammt wie Sie, Herr Petean, denkt man bei Macbeth und seiner Lady nicht an das Ehepaar Ceausescu?

Das kann man natürlich. Ich war 14, als er und seine Frau hingerichtet wurden, und ich erinnere mich doch noch gut an die Ceausescu-Zeit, als man keine Freiheit hatte, als es nur ein paar Stunden am Tag Wasser gab und Menschen sich im Schnee gewälzt haben, um sich zu waschen, als meine Eltern um 3 Uhr früh aufstanden und um Brot anstanden und dann um 10 Uhr keines mehr bekommen haben. Es war eine schlechte Zeit, aber in der Schule haben wir Disziplin gelernt, die wir sofort ganz wild über Bord geworfen haben, als Ceausescu gestürzt war. Und ich habe später gemerkt, dass ich mir diese Disziplin für meinen Beruf doch wieder besser zurückhole… Aber um auf die „Dämonisierung“ der Ceausescus zurück zu kommen: Ich lebe heute in Hamburg, fahre aber noch oft nach Hause nach Rumänien, und ich weiß, dass viele Menschen nicht wissen, was sie denken sollen. Ich glaube, es ist einfach nicht genug über die Hintergründe bekannt. Die Inszenierung von Christian Räth, die wir hier in Wien machen, sieht diesen Zusammenhang mit Macbeth jedenfalls nicht.

Es ist Ihr erster Macbeth, wie „legen Sie ihn an“?

Das Stück hat viel mit Schicksal zu tun, Macbeth ist ein Krieger, ein Mann, der schon getötet hat, und er ist sicher nicht verrückt. Wenn er auch schuldig wird, so will er es im Grunde seiner Seele wohl nicht, und ich denke schon, dass die Lady ihn treibt, einerseits, weil sie die einzige Person ist, der er vertraut, andererseits, weil er wohl auch sexuell besessen von ihr ist.

Christian Räth war Robert Carsens Co-Regisseur beim „Troubadour“ auf der Bregenzer Seebühne, Tatiana Serjan war die Leonore, Sie waren der Luna – in der Oper treffen sich immer wieder alte Kollegen?

Ja, und Bregenz war phantastisch, aber wenn ich heute daran zurückdenke, wie es war, da 2005 bei Regen und Wind im Freien zu singen, dann muss ich sagen – da war ich jünger. Aber der Luna ist eine Rolle, die ich sehr mag, ebenso wie den Gerard in „Andrea Chenier“, weil ich glaube, dass das nicht wirklich „Bösewichte“ sind, wie sie oft dargestellt werden. Beide lieben die Frau wirklich, und beide verlieren sie an den Tenor – und beide haben Wunderschönes zu singen. Im Gegensatz zu Scarpia, der ein wirklicher Bösewicht ist, der im Grunde nur vergewaltigen und morden will – und den ich auch nie singen möchte, weil er für eine tiefere und kräftigere Stimme geschrieben ist, als ich sie habe.

Herr Petean, Sie sprechen großartig Deutsch. Nun leben Sie zwar seit vielen Jahren in Hamburg, aber Sie sind in Cluj-Napoca geboren, das einmal Klausenburg hieß – gab es da in Ihrer Jugend nicht noch Menschen, die Deutsch gesprochen haben?

Vereinzelte ältere Leute, manche haben auch noch Ungarisch gesprochen, aber wir haben zum Beispiel, als ich 14 war, Chorproben im „Deutschen Forum“ abgehalten, es war also nicht ganz fremd. Heute spreche ich eine Menge Sprachen, was für einen Opernsänger unerlässlich ist, weil es uns auf der ganzen Welt herumtreibt. Meine Frau, die ich kennen gelernt habe, als ich 18 war und sie 16 und mit der ich seit 2000 verheiratet bin, ist auch Rumänin. Sie war eine Ballerina wie meine Mutter auch, und ihre Mutter war Opernsängerin – so wie ich Opernsänger bin…

Sie erzählen in Interviews gerne von Ihrem Bruder Alexandru Agache, ist er so wichtig für Sie?

O ja, sehr. Wir sind Halbbrüder von derselben Mutter, er ist 21 Jahre älter als ich. Als ich als vierjähriger Knirps erstmals in Cluj-Napoca in die Oper ging, hat er in „Don Pasquale“ den Malatesta gesungen. Und ich habe ihn in meiner Kindheit oft auf der Bühne gesehen, er war der Star der Rumänischen Oper der Stadt – wir haben nämlich zwei Nationalopern in meiner Heimatstadt, eine rumänische und eine ungarische, und ich habe Alexandru in der rumänischen Oper in vielen Rollen gehört, darunter als Don Giovanni. Da habe ich mich vor dem Commendatore so gefürchtet, dass ich unter den Sessel gekrochen bin und nachher Alpträume bekam. Wenn ich heute den Macbeth spiele – von Alpträumen verstehe ich etwas!

Also war der Bruder das Vorbild dafür, Opernsänger werden zu wollen?

Ich habe die Liebe zur Oper schon als Kind mitbekommen, und ich hatte auch die Fähigkeit, mir gleich Melodien zu merken und nachzusingen. Und dann kam ich mit sechs Jahren in eine Musikschule – davon gibt es viele, ganz ausgezeichnete in Rumänien, die wunderbare Musiker ausbilden. Da habe ich die Disziplin gelernt, von der ich schon gesprochen habe. Dann habe ich in Chören gesungen, Posaune gelernt, aber mit 16 ernsthaft mit dem Gesangsstudium begonnen, und mit 21 durfte ich an der Akademie ausgerechnet den Don Giovanni singen. Dann war ich in jungen Jahren an der Nationaloper engagiert und habe schon viele leichtere Rollen meines Repertoires gesungen. 1999 kam der Hariclea Darclee Wettbewerb, wo ich den ersten Preis bekam, und wenn man dann einen Agenten hat, beginnen die Vorsingen, ich hatte Erfolg in Rom und in Frankfurt, und ich habe nie bereut, dass ich 2002 in das Ensemble der Hamburger Staatsoper gegangen bin.

Aber Sie hatten die Möglichkeit, nebenbei eine internationale Karriere aufzubauen? In Wien haben Sie ja schon 2001 als Figaro in Rossinis „Barbier“ debutiert. Dabei sehe ich persönlich Sie gar nicht in heiteren Rollen.

O doch, ich singe das gerne, und es tut mir leid, dass ich neben dem Verdi-Repertoire so wenig Gelegenheit für die Belcanto-Rollen bekomme, von denen ich sehr gerne mehr singen würde. Der Duca d’Alba von Donizetti hat viel Spaß gemacht, ich freue mich auf den Riccardo Forth in den „Puritani“, der in Zürich kommen wird.

In Wien haben Sie außer Figaro und Egardo in der „Lucia“ aber nur Verdi gesungen, darunter den französischen „Don Carlos“ unter ziemlich dramatischen Umständen?

Das war 2005, da brauchte Wien einen „Rodrigue“, also einen französischen Posa. Und ich hatte die Rolle in Hamburg auf Französisch gesungen – aber es war eine andere Fassung als jene, die in Wien im Repertoire stand. Ich war damals gerade in Bonn, man hat mich am Wochenende angerufen, ob ich am Montag Abend in Wien den Posa singen könnte – und schickte mir 40 Seiten Noten, die ich nicht kannte. Am Montag früh hatte ich das Gefühl, ich hätte es noch überhaupt nicht im Kopf, und bevor ich auf die Bühne ging, hatte ich ohnedies alles vergessen. Aber ich wusste eines: Ich kann das. Ich hatte einmal für einen rumänischen Wettbewerb in zwei Tagen vier neue Stücke gelernt. So ging ich in Wien auf die Bühne – und alles hat geklappt. Aber der Streß ist nicht zu beschreiben.

Dieser französische „Don Carlos“ war eine Inszenierung von Peter Konwitschny, mit dem Sie ja auch 2013 im Theater an der Wien „Attila“ gemacht haben. Und wenn man nicht ein Konwitschny-Fan ist, schien diese Aufführung der reine Wahnsinn.

Das stimmt schon. Wir haben „Attila“ kaputt gemacht, wenn man an den echten Attila denkt, der ja ein großer Kriegsherr war, und daran, dass meine Rolle, der Ezio, ein bedeutender römischer Feldherr sein soll – und auch, wenn man berücksichtigt, dass Verdi gewünscht hat, man solle an seinen Werken nicht herumdoktern. Aber so, wie Konwitschny erzählt hat, dass die Menschen Kinder sind, die nichts lernen wollen in ihrem Leben, war das eine irre Komödie und eine unglaubliche Inszenierung.

Sie haben einen total vollen Kalender, leben aber immer noch in Hamburg, obwohl Sie seit dem Ende der Intendanz von Simone Young nicht mehr hier singen. Ist das nicht schmerzlich?

Ja, wenn man so viele Jahre am Haus war, mit so vielen Menschen gut zusammen gearbeitet hat, dass viele Freunde sind, wenn man auch vom Publikum geliebt wurde, dann schmerzt es natürlich, wenn die neue Intendanz sich nicht einmal rührt. Andererseits muss ich sagen – wenn ich 60 wäre, dann wäre es schlimm. Ich bin 40 und kann überall singen, nach Wien kommen München und Zürich und Tel Aviv, nächstes Jahr gehe ich für einen Simon Boccanegra nach Australien, also kann der richtige Schritt nur sein, von Hamburg wegzuziehen.

Und wohin?

Wien bietet sich natürlich an, nicht nur, weil mit Botha, Shicoff, Vargas, Furlanetto ohnedies schon so viele Kollegen hier leben. Für mich ist Wien das schönste und wichtigste Opernhaus, und jeder wird Ihnen sagen, dass Opernsänger in keiner Stadt der Welt denselben Stellenwert haben wie hier. Außerdem – ich bin ein großer Billardspieler, ich bin auch sehr gut, aber deshalb erzähle ich das nicht. Sondern weil ich neulich in einen Billard-Club kam – und die Musik aus dem Lautsprecher war die Dritte von Mahler. Wo sonst auf der Welt gibt es das?

Herr Petean, in der Hoffnung, dass Sie und Ihre Frau auch einmal Wiener sein werden, danke für dieses Gespräch.

 

Das Gespräch führte Renate Wagner 26.9.15

Bild (c) Staatsoper Wien

 

 

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