DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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FLORIAN BOESCH

Portraitkünster im Wiener Konzerthaus 2016/2017

Der österreichische Bassbariton Florian Boesch wird für seine tiefgründigen Interpretationen gerühmt, in denen er alle Nuancen des von ihm ausgewählten Repertoires auslotet. Mit Mendelssohns „Elias“ gibt er den fulminanten Auftakt einer Personale, die ihm das Wiener Konzerthaus in der Saison 2016/17 widmet. In insgesamt zehn Konzerten wird Boesch zu hören sein: Elias, Bachs Johannespassion, Beethovens 9. Symphonie sowie drei verschiedene Liederabende bezeugen die breite Palette des Sängers.

Herr Boesch, das Konzerthaus hat Sie für 2016/17 als Portraitkünstler ausgewählt, einen Ihrer Liederabende gestalten Sie mit Franui, einer Formation, die dafür bekannt ist, Werke komplett neu zu interpretieren … sind Sie für derartiges Neues zu begeistern, „entdecken“ Sie gerne?

Es geht mir nicht um das Neue an sich, sondern ich versuche, einen ehrlichen und persönlichen Zugang zu Stücken zu finden. In meiner Wahrnehmung, wie Stücke aufgeführt werden, vermisse ich gelegentlich etwas, dann habe ich tatsächlich das Gefühl, etwas völlig neu zu interpretieren. Es ist meine Aufgabe und mein Anliegen, zu Texten und Musik meine persönliche Aussage zu finden, die ich dann im Konzert dem Publikum erzählen darf.

2014 wurde Ihnen der Österreichische Musiktheaterpreis verliehen– wie wichtig sind Ihrer Meinung nach Auszeichnungen oder Erfolge bei Wettbewerben?

Meine eigene Karriere hat wettbewerbslos stattgefunden; Ich erlebe es nun von der anderen Seite, wenn meine Studenten an Wettbewerben teilnehmen, wobei ich noch nicht aus einer reichhaltigen Erfahrung schöpfen kann. Ich bin erst seit Oktober 2015 Professor an der mdw.

Grundsätzlich halte ich kompetitives Kunstmachen für absurd. Auf der anderen Seite wissen wir natürlich, dass einige Karrieren aufgrund großer Wettbewerbe abgehoben haben: Thomas Quasthoff gewann den ARD-Wettbewerb, Bryn Terfel und Dmitri Hvorostovsky Cardiff; einen dieser ganz großen Bewerbe zu gewinnen, kann natürlich etwas bewegen.

Für Ihre Karriere haben Sie auch weder eine eigene Website noch einen Facebook-Account benötigt. Heute wird „Vermarktung“, besonders über virtuelle Medien, als wichtiger Bestandteil für eine Karriere gesehen –wie sehen Sie die neuen Trends?

Ich bin ein digitaler Migrant – meine Karriere begann vor 15 Jahren, da gab es kein Facebook. Dennoch konnte sich meine Karriere entwickeln, ohne virtuelle Medien, mit der unschätzbar wichtigen Unterstützung meiner Agentur – aber letzten Endes, wer sich für meinen Auftrittskalender interessiert, findet diesen auf der Homepage meines Managements.

Junge Sänger können sich das nicht leisten, die Studenten wachsen jedoch anders auf. Sie haben von vorneherein einen Facebook-Account, nicht aus der Überlegung, ob das gut für den Job ist, sondern weil man das hat.

Liederabende ziehen ein vergleichsweise kleineres Publikum an. Sind es genau diese Menschen, die Sie erreichen wollen, Menschen, die vielleicht tendenziell eine größere Bereitschaft bringen, „zuzuhören“?

Bestimmt gibt es ein Liederabend-Publikum, das genauso viel oder wenig „zuhört“ wie in einem Instrumentalkonzert. Mein Publikum weiß mittlerweile, dass es nicht so viel vom Abend hat, wenn sie sich nur berieseln lassen. Wenn sie aber bereit sind, zuzuhören, bekommen sie etwas von mir.

Weil Ihre Interpretationen immer sehr intensiv sind, Sie singen nicht lediglich schön.

Mein Anspruch ist es tatsächlich, Lieder nicht „nur schön“ zu singen. Natürlich wollen manche Zuhörer einfach „unterhalten“ werden, und ich bin überzeugt, dass mich manche liedbegeisterten Menschen meiden, das ist in Ordnung. Ich will niemanden bekehren! Umgekehrt gibt es Zuhörer, die genau deswegen zu mir kommen. Ich interpretiere, wie ich es machen muss, das ist meine Form, mich auszudrücken. Und ich empfinde es als großes Glück, mit dieser Art, mich mit Musik auseinanderzusetzen, einen Platz, meine „Nische“ bekommen zu habe. Dafür bin ich sehr dankbar, aber anders hätte ich es gar nicht machen können, das wäre nicht ich gewesen.

Aber wenn ich als Einspringer ein anderes Publikum übernommen habe, konnte ich feststellen, dass das für die Diversifizierung der Zuhörer ein positiver Impuls war, der sehr geschätzt wurde. Jede neue Farbe, jeder neue Weg ist eine Anregung, selbst, wenn dieser Weg von einem Teil abgelehnt wird – das belebt den Diskurs, der wichtig ist, damit Musik lebendig und in Bewegung bleibt.

Eine Interpretation kann gefallen oder auch nicht. Diese Abende regen in jedem Fall zum Nachdenken an und sind keine „beliebigen“ Darbietungen.

… was umgekehrt für viele Leute eine wunderbare Sache ist, die einfach zwei Stunden „Ruhe“ haben möchten, auch das ist wertvoll und legitim. Das ist das Schöne, Musik kann so unterschiedlich sein. Und die Stadt Wien bietet ein unglaublich reichhaltiges Programm!

In einem Ihrer Liederabende steht Ernst Kreneks „Reisebuch aus den österreichischen Alpen“ am Programm.

Das „Reisebuch aus den österreichischen Alpen“ ist meines Erachtens der wichtigste Liederzyklus des 20. Jahrhunderts. Es ist ein großartiges, bis auf zwei Lieder tonales Werk, mit dem sich Krenek in einen Widerspruch zu Arnold Schoenberg stellt, gegen die Radikalität, dass es nur noch die Dodekaphonie gäbe. Er beweist, dass es 1929 – das Entstehungsjahr des „Reisebuchs“ – sehr wohl möglich ist, eine individuelle tonale Klangsprache zu entwickeln.

Dieser Zyklus bietet großartige, geradezu prophetische Texte. Es ist lustig, weil es für uns Österreicher noch einmal interessanter ist, sich die Auseinandersetzung mit dem eigenen und dem Fremden vor Augen zu führen. Themen, die uns heute noch bzw. wieder betreffen. Die Musik ist fantastisch, leider wird der Zyklus viel zu selten aufgeführt. Es ist einerseits erstaunlich, aber auch völlig schlüssig, wie begeistert das Publikum reagiert. Diese Musik ist so frisch!

Oft ist das Publikum auch bei Musik der Gegenwart zunächst skeptisch, lässt sich aber mitreißen, weil gerade im Vokalbereich Komponisten individuelle tonalere Tonsprachen finden.

Ich habe bei einigen Uraufführungen mit großer Freude mitgewirkt, weil die Beschäftigung mit Neuer Musik spannend ist, aber es macht einen kleinen Anteil meiner Arbeit aus. Wenn man in dieser Disziplin arbeiten darf, hat man die Pflicht, an der Arbeit an der Gegenwartskunst teilzuhaben. Welche dieser Werke übrigbleiben, wird das Publikum in 50 Jahren beurteilen. Wir können dankbar sein über den Aufführungskanon, mit dem wir uns derzeit beschäftigen. Dennoch ist es fast ein Auftrag, sich an der Herstellung des Kanons für die Zukunft zu beteiligen. Ich bemühe ich mich sehr, meinen Teil daran zu leisten!

Wie wählen Sie die Programme für Ihre Liederabende aus?

Natürlich gehe ich auf Wünsche von Veranstaltern ein, bestimmte Komponisten oder Schwerpunkte zu berücksichtigen, für die „Schubert-Series“ der Wigmore Hall singe ich ein entsprechendes Programm. Ansonsten kann ich mittlerweile meine Programme frei gestalten. Allerdings ist es schwierig: Anfragen für einen Liederabend bestätige ich zwei Jahren im Voraus, das Programm erfragen die Veranstalter ein Jahr vor dem Konzert – ich muss mir also die Frage stellen, was wird mich in einem Jahr interessieren oder ein Anliegen sein? Natürlich bewegen einen bestimmte Werke wieder und wieder, z. B. die großen Zyklen. Sowohl für den Künstler als auch fürs Publikum ist es wichtig, diese Meilensteine des Aufführungskanons stets aufs Neue zu überprüfen.

Oft begegne ich bei der Beschäftigung mit neuem Repertoire Themen, mit denen ich mich auseinandersetzen möchte. Ich interessiere mich in meiner Programmierung nicht für Opuszahlen oder Dichternamen, sondern für eine emotionale Reise: Liederabendhälften oder -viertel so zueinander zu setzen, dass sie in meiner Wahrnehmung zueinander passen. Ich versuche keine narrativen Minizyklen zu bauen, aber ich setze Programmpunkte in eine Beziehung, die für mich als Sänger, als Entwicklung über einen Abend spannend ist und die dann auch die Chance hat, dem Publikum interessant zu sein.

Der Schwanengesang z. B. wurde vom Herausgeber in einer merkwürdigen Reihenfolge zusammengestellt, einigen Sängern beibehalten diese bei. Ich hingegen habe – wie viele andere Sänger – meine eigene Reihenfolge! Beispielsweise gruppiere ich die Texte von Ludwig Rellstab und von Heinrich Heine, die Taubenpost gebe ich als Zugabe. Das ergibt zwei Entwicklungen eines Verfalls, das hat eine Richtung. Für mich ist es schwierig, nach dem zweiten Lied, „Kriegers Ahnung“, in dem es „es ruft noch manche Schlacht … Herzliebste, gute Nacht“ heißt, fröhlich mit dem „Ständchen“ fortzusetzen. Stattdessen wähle ich eine Reihenfolge, die mich emotional eine Entwicklung machen lässt. Ich interessiere mich für Prozesse, in welchen sich eines aus dem anderen ergibt, auf einer für mich emotionalen Ebene.

Den Krenek-Abend zu programmieren stellte mich vor eine Herausforderung: Dieser Zyklus sollte für für sich alleine stehen, was aufgrund der Länge – 45 Minuten – nicht möglich ist. So entschied ich mich für eine Kombination mit Schubert, für die „Metastasio-Lieder“, den italienischen Schubert, um die Wirkung Kreneks nicht zu schmälern. Ein Hauptthema des „Reisebuchs“ ist die Sehnsucht nach dem Süden: „… und ich ahne von fern das italische Licht, ewige Wahrheit des Lebens …“ – weil unser Leben nur ein „halbes Leben“ ist, weil ihm die „ewige Sonne“ fehlt. Nach dem ersten Weltkrieg verloren wir Triest, geblieben ist diese Sehnsucht nach dem Süden, der Verlust, das Zurückgeworfen werden auf das „Kleine“. Schuberts Metastasio-Lieder sind eher unbekannt, sehr theatralisch, dadurch stimme ich das Publikum mit einem Geschmack des Italienischen, des Dolce Vita ein, worauf sich die Lieder Kreneks beziehen.

In der Wigmore Hall hingegen stellten wir einen 20-minütigenTalk voran und gaben ausschließlichdie Lieder von Krenek. Wichtig ist es, nach dem Zyklus nichts mehr zu singen. Die Menschen sollen am Heimweg über Krenek nachdenken können, und nicht „Du bist die Ruh“ pfeifen.

A propos „Talk“, nach „Schöne Müllerin“ wird es ein Gespräch von Ihnen und Ihrem PianistenMalcolm Martineau geben. Was ist Ihr persönlicher Zugang zu diesem Zyklus?

Ich bin der Ansicht, dass es in der „Müllerin“ keinen Suizid gibt. Lange habe ich diesen Zyklus nicht gesungen, weil er sich mir nicht erschloss. So sprach ich mit meinen Studenten, mit einigen Sängern und mit Liedbegleitern: Was bedeutet im Lied Nr. 19, „Der Müller und der Bach“ jene Passage, in welcher der Bach in die direkte Rede geht? Der Müller führt über den gesamten Zyklus ein Zwiegespräch mit dem Bach. Nun haben wir das große Privileg, Wilhelm Müller als Textautor der „Winterreise“ zu kennen. Wir wissen, welch unglaublicher Betrachter der menschlichen Psyche er ist. Er ist ein Psychoanalytiker, freudianisch noch vor Freud. Daher können wir davon ausgehen, dass „Der Müller und der Bach“ nicht ein oberflächliches Plaudern mit einem Wasser ist, sondern ein Dialog mit einer optionalen anderen Stimme. Wer ist diese Stimme, und was sagt sie aus? „Und wenn sich die Liebe dem Schmerz entringt, ein Sternlein, ein neues am Himmel erblinkt. Da springen drei Rosen, halb rot und halb weiß, die welken nicht wieder aus Dornenreis. Und die Engelein schneiden die Flügel sich ab, und gehn alle Morgen zur Erde herab.“ Auf die Frage nach der Bedeutung dieser Zeilen erhielt ich keine für mich schlüssige Antwort.

… die Liebe ist etwas zutiefst Menschliches und Schönes, dass sogar die Engel Mensch werden wollen? „… schneiden die Flügel sich ab“ hat nichts „Grausames“, sondern diese Wesen finden es erstrebenswert, auf die Erde zu kommen?

Aber warum? Und was bedeuten die drei Rosen, halb rot und halb weiß? Für mich ist dieses Lied ein innerer Dialog, und der Bach ist nichts anderes als die Stimme der Vernunft, die die Emotion beruhigt: „Wenn sich die Liebe dem Schmerz entringt …“ – die Liebe wird bestehen, aber es wird nicht mehr so heftig schmerzen. „… ein Sternlein, ein neues am Himmel erblinkt …“ – so viele Millilonen Sterne wie am Himmel, so oft gab es diese Geschichte bereits, love hurts – move on! „… da springen drei Rosen …“ Aus dem welken Dornenreis deiner Liebe wird dreifach neue Liebe entstehen, in den beiden Kategorien, die du suchst, in der unschuldigen Liebe und in der des Eros. „Die Engelein …“: Schon morgen stehen vor dir engelsgleiche Mädchen, die geliebt werden wollen und die lieben wollen. Aber es werden echte Menschen sein, weg mit dem Engelhaften. Die Vernunft beruhigt also. Alles wird wieder gut! Worauf der Müller entgegnet: „… ach Bächlein, aber weißt du, wie Liebe tut …?“ Die Vernunft spürt den Schmerz des Liebeskummers nicht, das fühlt nur die Emotion! „… Ach unten, da unten die kühle Ruh …“ ist der letzte Verweis auf den Suizid. Dann zeigt sich jedoch Schubert als unglaublicher Versteher von Wilhelm Müller. „Ach Bächlein, liebes Bächlein, so singe nur zu“ mit der Modulation auf Dur. Der Jüngling möchte mehr von der Vernunft hören, nicht von der Todessehnsucht; nicht wie im „Lindenbaum“, „komm her zu mir, Geselle!“ Es ist hochinteressant, dass Müller oft das Wort „Geselle“ benützt, wenn er zum Suizid ruft, auch im Tränenregen heißt es „mir nach, Geselle!“

In „Des Baches Wiegenlied“ spricht weiterhin die Stimme der Vernunft. Wenn jedoch diese Stimme der Vernunft noch existiert, kann sich das Individuum nicht getötet haben. Das Lied durchläuft in den Strophen die unterschiedlichen Stufen des Trostes. „Komm zu mir, ich nehme dich an“, „Beruhige dich, ich wiege dich ein“; „Wenn ein Jagdhorn erschallt – will ich sausen und brausen…“ – ich schotte dich ab, wenn die Ursache deines Schmerzes auftaucht. Wenn das „böse Mägdelein kommt“, schicken wir sie weg und behüten dich. Und dann, wenn alle Phasen durchlaufen sind, „bis alles wacht“, erwachst du aus deinem Schmerz. Dann kommt unglaublich klar formuliert „Der Vollmond steigt …“ – das Zyklische des Schmerzes und des Trostes lebt auf – „.. der Nebel weicht, und der Himmel da oben, wie ist er so weit …“ Alles wird wieder klar, alles ist offen. Wenn wir die Zustände des Trostes durchlaufen haben, sind wir bereit, weiterzugehen.

Bei Liederabenden ist es essentiell, dass Sänger und Pianist gut „zusammengespielt“ sind. Wie erleben Sie Unterschiede, wenn Sie besonders Zyklen wie die Müllerin mit verschiedenen Pianisten aufführen?

Ich bin ein extremer Zuhörer, meine Pianisten bestätigen mir, dass ich alles höre, was sie spielen. Und zu einem Lied oder einem Zyklus habe ich natürlich eine Meinung, jedoch nicht lediglich eine Version. Meine Auffassung von einem Liederabend ist es, für die Interpretation möglichst viel Spielraum für den Moment zu lassen. Der Anteil dessen, was aus der Inspiration des Augenblicks entsteht, zwischen dem Klavier und der Stimme, zwischen den Menschen, dem Publikum, das macht es mir spannend. Deshalb probe ich mit den Pianisten, mit denen ich ständig arbeite, nur wenig. Mit Malcolm Martineau arbeite ich seit über zehn Jahren, wir verstehen einander musikalisch blind! Ich finde es faszinierend, was die Pianisten mir aufspielen – es ist wie ein Ping-Pong-Spiel. Bei großen Zyklen ist das Wunderbare, dass es keine Unterbrechung gibt. Bei der Winterreise geht es 75 Minuten durch. Dadurch gelangt man an unterschiedliche Plätze, erlebt neue Momente, die einen bewegen.

Die Pianisten spielen nicht, wie ich will, und ich singe nicht, wie sie wollen – wir entwickeln gemeinsam etwas, auf Basis eines Einverständnisses darüber, was wir sagen wollen. Es gibt Pianisten, mit denen ich gar nicht arbeiten kann, weil man eine unterschiedliche Auffassung von Affekt hat. Wenn das nicht übereinstimmt, ist es wie verschiedene Dialekte einer Sprache. Aber wenn man die (Klang-)Sprache des anderen versteht und zuhört, kann man auf alles gut reagieren. Ich bin mit meinen Begleitern unglaublich verwöhnt!

Renate Publik 1.10.16

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Foto (c) Konzerthaus Wien

 

Konzerthaustermine:

1./ 2. Oktober 2016: Felix Mendelssohn Bartholdy: Elias

13.       Dezember 2016: Liederabend. Klavier: Christian Koch (Franz Schubert: Ausgewählte Lieder; Ernst Krenek: Reisebuch aus den österreichischen Alpen)

30./ 31. Dezember 2016; 01. Januar 2017: Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 9

28.       Februar 2017: Liederabend. Klavier: Malcolm Martineau (Franz Schubert: Die schöne Müllerin)

Im Anschluss an das Konzert sprechen Florian Boesch und Malcolm Martineau über ihren sehr persönlichen Zugang zu diesem Liederzyklus und veranschaulichen diesen anhand von Beispielen

4./ 5. März 2017: Johann Sebastian Bach: Johannes-Passion

25.       April 2017: Liederabend „Alles wieder gut“ mit der Musicbanda Franui (Kompositionen und Bearbeitungen von Markus Kraler und Andreas Schett nach Franz Schubert, Robert Schumann, Gustav Mahler u. a.)

DER OPERNFREUND  | Opernfreund.Contact@t-online.de