DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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„DIE ‚PASSAGIERIN’ SOLLTE PFLICHTPROGRAMM FÜR ALLE OPERNHÄUSER WERDEN“ - INTERVIEW MIT MICHELLE BREEDT

OF: Liebe Frau Breedt, Sie haben diesen Sommer erneut in Bayreuth gesungen, dieses Mal die Venus im „Tannhäuser“. Seit 2000 waren Sie bei den Wagner-Festspielen außerdem regelmäßig als Magdalena, Fricka und Brangäne zu erleben. Einen Einschnitt bildete das Jahr 2010, als Sie zur Festspielzeit ausnahmsweise nicht nach Bayreuth fuhren, sondern nach Bregenz, um dort in der umjubelten Uraufführung von Mieczyslaw Weinbergs grandioser Oper „Die Passagierin“ die Lisa zu singen. Zuerst hatten Sie die Rolle noch abgelehnt, diese dann aber schließlich doch angenommen. Was war der Grund, dass Sie Ihre Entscheidung damals revidiert haben?

B: Die „Passagierin“ ist  so etwas Besonderes, weil sie von einer wahren Begebenheit handelt, die in der Weltgeschichte eine äußerst gravierende Stellung einnimmt. Ich hatte damals starke Zweifel, ob ich es schaffen würde, diese sehr komplexe und höchst traumatische Geschichte zu spielen und der Rolle der Lisa in irgendeiner Form gerecht zu werden. Das erschien mir etwas zu hoch für mich. Ich musste sehr in mich gehen und mich allen Ernstes fragen, ob ich die Kraft und die Offenheit sowie auch eine gewisse Unbefangenheit aufbringen würde, eine so umstrittene Figur wie die Lisa darzustellen. Schließlich war sie eine reale Person. Wir sprechen hier nicht über fiktive Figuren, wie sie in einer Oper der Regelfall sind. Dieses Stück geht über das wahre Leben, um Menschen, die von den Nazis verfolgt und ermordet wurden. Und aus diesem Grund konnte ich zuerst nicht Ja zu dem Angebot sagen, die Lisa zu übernehmen. Dann habe ich mir aber die Musik doch angehört und bin auch den Text durchgegangen. Dabei ist mir aufgefallen, dass Mieczyslaw Weinberg den gleichnamigen Roman der Auschwitz-Überlebenden Zofia Posmysz, an den die Oper anknüpft, ganz wunderbar vertont und sehr seriös behandelt hat. Und auch das Regiekonzept von David Pountney war sehr wahrhaftig. Unter diesen Voraussetzungen war es mir möglich, mit der „Passagierin“ umzugehen. So habe ich die Lisa schließlich doch noch angenommen.

OF: Sie stammen aus Südafrika. Einige Ihrer Sängerkollegen/innen haben sich schon negativ über die Verhältnisse, die in diesem Land in der Vergangenheit herrschten, geäußert. Waren die Umstände dort mit denen in Nazi-Deutschland irgendwie vergleichbar?

B: Nein. Was die Nationalsozialisten mit den Juden angestellt hatten, war ein Holocaust, ein Pogrom, das absichtliche Auslöschen eines ganzen Volkes aus rassistischen Gründen. Die Juden sollten von der Erdoberfläche getilgt werden. Derartiges ist in Süd-Afrika nicht geschehen. Apartheid war kein Holocaust, in dem ein Volk systematisch ausgelöscht wurde. Das ist ein ganz großer und wichtiger Unterschied, über den man sich bewusst sein muss. Natürlich war die Apartheid ebenfalls ein schreckliches System, das auf der Ungleichheit von Menschen beruhte. Auf deren konkrete Schrecknisse möchte ich jetzt nicht eingehen, da wir über die „Passagierin“ sprechen. Die Art und Weise, mit Menschen umzugehen, nur weil sie eine schwarze Hautfarbe hatten, war furchtbar. Das entsprach schon in etwa der Mentalität der Nazis, die meinten, wenn eine Person Jude war, sei sie nicht lebenswert. In Südafrika hieß es einfach, Schwarze seien Personen der vierten, fünften oder sechsten Klasse. Die Regierung dort hatte aber nicht die Absicht, diese Menschen systematisch genetisch auszurotten wie es das Hitler-Regime mit der jüdischen Bevölkerung getan hat. Das ist der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Systemen. Die Apartheid war sicher genauso menschenverachtend wie die Nazis, im Gegensatz zum Holocaust aber keine organisierte Mordmaschine.

OF: In gewisser Hinsicht sind die Verhältnisse, wie sie in Südafrika 1948 von den Buren etabliert wurden, mit denen im NS-Staat also durchaus ein wenig vergleichbar. Sowohl die Nazis in Deutschland als auch die weißen Nationalisten in Südafrika erhoben die Rassentrennung zum Gesetz und verbannten ihnen unliebsame Elemente in Konzentrationslager bzw. Townships. Endlösung auf der einen Seite, Apartheid auf der anderen. In Südafrika ging Nelson Mandela auf die Barrikaden, in Deutschland waren es u. a. Stauffenberg und die Geschwister Scholl, die sich in Widerstandsgruppen gegen Hitler zusammenschlossen. Wie ist Ihre Einstellung gegenüber dem Tun dieser Leute?

B: Jeder normal denkende Mensch kann nur Gott danken, dass es Leute gibt, die sich gegen derartige Schreckensherrschaften zur Wehr setzen. Ich bin froh, dass ich  in einer Familie aufgewachsen bin, die gegen die Apartheid opponierte. Das war manchmal sehr gefährlich, weil mein Vater, der den Beruf eines Pfarrers ausübte, als Missionar nach Afrika ging und sehr viel schwarze Prediger mitbrachte und diese heimlich bei uns zuhause übernachten ließ. Dieses Gesetze brechende Verhalten hätte unsere gesamte Familie in enorme Schwierigkeiten bringen können. Ich selber wurde zeitweise auch von der Geheimpolizei verfolgt. Das kam so: Damals herrschte in meinem Heimatland eine starke Zensur. So durfte der Film „Cry Freedom“, von dem damals alles sprach, in Südafrika nur in einer zensierten Form gezeigt werden. Nun kam es aber, dass dieser Film eines Nachmittags in einem Lichtspielhaus aus Versehen im Original gezeigt wurde. Ich saß damals im Kino und war sehr stark berührt von dem, was ich da sah. Als ich den Saal verließ, war die Polizei da und ich erfuhr, dass ich soeben den unzensierten Film gesehen hatte. Den vor dem Lichtspielhaus versammelten Pressevertretern sagte ich: „Wenn die südafrikanische Regierung nichts zu verbergen hat, warum lässt sie dann nicht die unzensierte Version zu, damit alle Menschen sich diese anschauen können?“ Am nächsten Tag informierte mich eine Freundin, dass mein Zitat auf der Titelseite der Wochenendzeitung prangen würde, und warnte mich. Ich sei jetzt in das Visier der Geheimpolizei geraten und müsse aufpassen. In der Tat bekam ich in der Folgezeit ganz merkwürdige Anrufe und wurde in der Tat verfolgt. Ich kann nicht gerade sagen, dass ich mich in dieser Zeit sonderlich wohl gefühlt habe. Diese Affäre hat ein sehr schlimmes Gefühl in mir ausgelöst. Ich habe mir damals geschworen, nicht eher wählen zu gehen, als bis das alle Menschen in Südafrika tun dürften. Und diesen Schwur habe ich gehalten. Es ist schade, dass es nicht mehr Menschen gibt, die den Mut haben, sich gegen solche Systeme zur Wehr zu setzen. Wir brauchen in der Politik so mutige Menschen wie Stauffenberg und die Weiße Rose. Und Nelson Mandela ist eine meiner absoluten Lieblinsfiguren in der gesamten Geschichte.

OF: Nun kann man sich das Land, in das man hineingeboren wird, nicht aussuchen. Wenn man Glück hat, ist es eine Demokratie. Man kann aber auch an ein Unrechtsregime wie das Dritte Reich geraten. Es leben ja nicht wenige Menschen in derart fragwürdigen Systemen, zu deren Mitläufern sie häufig werden. Wie würden Sie solche Personen beurteilen?

B: Die Frage, ob das deutsche Volk von den Verbrechen der Nazis gewusst hat oder nicht, ist häufig gestellt worden. Ich glaube, es gab damals viele Leute, die gewusst haben, was in den Konzentrationslagern vor sich ging, sich aber in einer gewissen Ohnmacht befanden und sich deshalb nicht trauten, etwas dagegen zu tun, weil sie um ihr eigenes Leben und das ihrer Familie fürchteten. In einer Ausnahmesituation wie dem Zweiten Weltkrieg bricht der ganze Urinstinkt des Menschen zum Überleben aus ihm heraus. Viele Leute benötigten damals ihre ganze Kraft zum Selbstschutz und Selbsterhalt. Der Wille zum Überleben war meiner Ansicht nach einer der Gründe, warum sie sich nicht aktiv gegen den NS-Staat gewandt haben. Es ist sehr schwierig, Hypothesen aufzustellen. Das hängt von der jeweiligen Situation ab. Eine Ausrede ist das aber nicht. Am ehesten werden wohl solche Menschen zu Mitläufern, die manipulierbar sind und gerne Macht ausüben, weil sie sich hinter der Funktion beispielsweise eines Offiziers, hinter einer Uniform, gut verstecken und Grausamkeiten begehen können. Solche Leute glauben, nicht sie würden diese schlimmen Verbrechen begehen, sondern nur die Funktion, die sie bekleiden. Auf diese Weise kommen sie mit ihrem Gewissen ins Reine. Aber ich bin kein Psychologe. Und über dieses Thema sind riesige Studien gemacht worden. Als mir damals angetragen wurde, die Lisa zu übernehmen, war das für mich eine sehr schwierige Entscheidung, weil diese Oper einen unheimlich tiefgehenden und komplexen Inhalt hat und ich auch nicht auf alle darin behandelten Fragen eine Antwort parat hatte und habe. Deshalb kann ich Mitläufer auch nicht be- oder verurteilen. Und das gilt auch für die SS-Offizierin Lisa. Als ich mich schließlich durchgerungen hatte, die Rolle anzunehmen, konnte ich nur versuchen, mit aller Offenheit und Unvoreingenommenheit in die Figur einzudringen und so wahrhaftig wie möglich zu sein. Diese Wahrhaftigkeit war für mich damals der entscheidende Punkt, weil - ich sagte das bereits - die „Passagierin“ eine wahre Geschichte von Häftlingen in Auschwitz, wo Anneliese Franz als KZ-Aufseherin gearbeitet hat, beinhaltet.

OF: Es gibt wohl kein Wort, das so sehr mit der systematischen Ausrottung von Menschen gleichgesetzt wird wie Auschwitz. Es ist eine alte Streitfrage, ob man Auschwitz auf die (Opern-) Bühne bringen darf. Wenn man sie früher, zu einem Zeitpunkt, an dem Sie von der „Passagierin“ noch keine Ahnung hatten, zu diesem Thema um eine Stellungnahme gebeten hätte, wie hätten Sie geantwortet?

B: Es ist wichtig, solche Themen immer wieder zu bringen, auch auf der (Opern-) Bühne, weil die Menschheit auch heute noch immer wieder solche schrecklichen Taten begeht.

OF: Jedenfalls ist die „Passagierin“ in hohem Maße geeignet, einen Kontrapunkt gegen das Vergessen zu setzen. Und genau darum ging es ja sowohl Weinberg, der seine ganze Familie im KZ verlor, als auch Zofia Posmysz, die auch noch andere Bücher wie „Ein Urlaub an der Adria“ und „Christus von Auschwitz“ zu diesem Thema beisteuerte. Weinberg ist seit 1996 tot. Aber Frau Posmysz war bei der Bregenzer Uraufführung der „Passagierin“ dabei. Welchen Eindruck haben Sie damals von dieser wunderbaren alten Dame gewonnen? Hatten Sie näheren Kontakt zu ihr?

B: Ich bin sehr glücklich, sie kennengelernt zu haben. Obwohl ich die Figur der Lisa nur auf der Bühne dargestellt habe, hatte ich ein ganz dringendes Bedürfnis, mich bei dieser Frau nach der Vorstellung zu entschuldigen. Wir beide saßen in Tränen aufgelöst beieinander. Das war für mich der bewegendste Moment meines ganzen Lebens, den ich nie vergessen werde.

OF: Im Vorfeld der Uraufführung fuhr Frau Posmysz mit einigen Beteiligten der Produktion nach Auschwitz, um ihnen den Ort der Opernhandlung einmal real vorzuführen. Haben Sie damals an der Reise teilgenommen? Wenn ja, welche Impressionen drängten sich Ihnen dabei auf?

B: Leider konnte ich damals nicht mitfahren, habe mich aber natürlich gründlich über die NS-Zeit informiert.

OF: Wie bereiteten Sie sich konkret auf die Lisa vor?

B: Ich habe sehr viele Bücher gelesen, darunter Spezialliteratur aus Amerika, die ich mir kommen ließ, und mir sogar Berichte über jeden Einzeloffizier, der zu dieser Zeit in Auschwitz gewesen ist, angeschaut. Ich stellte ausführliche Recherchen an und sah mir über die KZ-Aufseherinnen Berichte und Filmmaterial an. Es gibt einen polnischen Schwarz-Weiß-Film über die „Passagierin“, den ich mir ebenfalls angesehen habe. Leider wurde er nicht vollendet, weil der Regisseur damals ganz plötzlich verstorben ist. So blieb es bei einem halben Stummfilm. Bei der Vorbereitung der Lisa konnte ich zudem stark aus meinem persönlichen Erfahrungsschatz in Südafrika, wo ja schreckliche Dinge passiert sind, schöpfen. Und selbstverständlich habe ich auch die Romane von Frau Posmysz gelesen.

OF: Wie war es für Sie, die Lisa einzustudieren? Einfacher oder schwieriger als beispielsweise eine Wagner-Partie?

B: Es ist immer mit einem besonderen Reiz verbunden, eine Uraufführung zu singen. Man darf eine Rolle zum ersten Mal gestalten und die Figur damit gewissermaßen zum Leben erwecken. Es gibt eine gewisse Narrenfreiheit, da man nicht bezüglich der Darstellungsweisen anderer Sängerinnen, die die Partie bereits gesungen haben, voreingenommen ist. Gleichzeitig bringt diese Tatsache aber auch eine gewisse Verantwortung mit sich. Das Studium der Lisa war für mich sehr belastend. Ich konnte nie sehr lange auf einmal an der Rolle arbeiten, weil ich dabei stets in einen depressiven Sog geriet. Der Inhalt war einfach zu schockierend. Ich musste mich emotional schon sehr schonen, um die Lisa überhaupt lernen zu können.

OF: Wo liegen die Schwierigkeiten der Lisa?

B: Musikalisch hat sie schon ihre Tücken. Schwierig ist insbesondere eine 5/8-Aria im ersten Bild, in der Lisa ihrem Mann ihre KZ-Vergangenheit beichtet. Das ist genial komponiert, eben weil es so unangenehm zu singen ist. Man hat bei dieser Stelle keinen normalen Puls; man spürt regelrecht, wie die Lisa stammelt und in höchstem Maße unruhig ist. Darüber hinaus kommen in dieser 5/8-Aria auch etliche Synkopen vor, die musikalisch sehr anspruchsvoll sind, aber phantastisch komponiert, weil es die innere Aufregung Lisas, ihren stammelnden Versuch sich zu rechtfertigen, so trefflich vermittelt. 

OF: Man merkt, dass Sie Weinberg mögen. Hat die Musik der „Passagierin“ für Sie einen ganz besonderen Stimulus?

B: Sie ist sehr farbintensiv und von immenser Ausdruckskraft. Bereits die Eröffnungsakkorde, die meiner Ansicht nach das Schiffshorn symbolisieren, sind so stark und gewaltig, dass man schon hier ahnt, dass diese Musik nicht nur eine beliebige Klangmalerei ist, sondern dass sich noch viel mehr hinter ihr verbirgt. Zudem ist die Instrumentierung hoch expressiv.

OF: Sicher ist ein ganz wesentliches Merkmal der „Passagierin“-Partitur die ausgeprägte Leitmotivtechnik. Damit knüpft Weinberg in genialer Art und Weise an Richard Wagner an. Wäre die „Passagierin“ ohne das Vorbild Wagners überhaupt möglich gewesen?

B: Ich möchte Weinberg nicht Wagner gegenüberstellen. Seine Musik spricht für sich selbst und sollte nicht mit irgendeiner anderen verglichen werden. Natürlich gibt es in der „Passagierin“ die unterschiedlichsten Motive, die sind aber nicht im Stil Wagners ausgeführt. Weinbergs Partitur hat meiner Ansicht nach harmonisch und stilistisch überhaupt nichts mit Wagner zu tun. Berührungspunkte zwischen den beiden Komponisten gibt es lediglich hinsichtlich der Benutzung von Leitmotiven als Kompositionstechnik.

OF: Weinberg führt den Zuhörer bis in die tiefsten Seelenschichten der Beteiligten, insbesondere Lisas. Würden Sie sagen, dass seine Musik psychologischer Natur ist?

B: Man muss Musik mit Leib und Seele fühlen und nicht versuchen, sie mit dem Intellekt zu rationalisieren. Sobald sie jemanden in seinem Herzen zu rühren vermag, ist sie auf eine gewisse Weise „psychologisch“ geprägt. Und in der „Passagierin“ geht es um die stärksten Emotionen überhaupt, die die Menschheit kennt.

OF: Diese Frage lässt sich vielleicht an folgendem Beispiel etwas veranschaulichen: Auffällig ist, dass Lisa ganz zu Beginn des ersten Aktes während ihres Gespräches mit Walther fast immer nur mit einer von ‚d’ auf ‚a’ gehenden knappen, eintönigen und stereotypen Tonfolge  „Ja, Liebster“ oder „Nein, Liebster“ singt. Das ist ihr Motiv, und genau wie dasjenige von Marta beruht es auf einer Quinte. Lisa hat eine aufsteigende Quinte, Marta eine leere Quinte. Aus dieser ganz essentiellen Gemeinsamkeit der beiden Frauen kann man viel ableiten, so zum Beispiel, dass Lisa ihre einschneidenden Erlebnisse mit Marta in Auschwitz auch nach fünfzehn Jahren anscheinend noch immer nicht überwunden hat. Würden Sie mir zustimmen, wenn ich behaupte, dass der Fall Marta bei ihr zu einer ausgemachten Psychose geführt hat?    


B: Ja. Die Beziehung zwischen Lisa und Marta ist sehr komplex. Die Lisa war damals sehr jung, bei Weinberg ist sie 22 Jahre alt. Als KZ-Aufseherin musste sie in Auschwitz sehr viele Frauen beherrschen. Von denen waren etliche älter als sie, womit sie womöglich ein Problem hatte. Sie hat bemerkt, dass sich Marta mit diesen Frauen sehr gut verstanden hat und trefflich mit ihnen umgehen konnte. Wenn sie es schaffen würde, Martas Gunst zu erringen, das wusste sie, würde es ihr auch leichter fallen, sich die anderen Häftlinge gefügig zu machen. Ebenfalls war sie sich klar darüber, dass sie Marta manipulieren könne. Man sollte in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass die ursprüngliche Geschichte, so wie sie Frau Posmysz erzählt, in einem Teil von Auschwitz spielte, der „Kanada“ hieß. Das war eine Abteilung, in der Essen vorbereitet und Kleidung aussortiert wurde. Die Frauen, die hier arbeiteten, bekamen ihre Köpfe nicht gänzlich geschoren und genossen auch sonst gegenüber den anderen Gefangenen enorme Privilegien. In „Kanada“ ging es nicht so schrecklich zu wie in den anderen Teilen des Lagers. Die Umstände waren für die Frauen, die dort gearbeitet haben, milder. Ich habe das Gefühl, wenn damals nicht Krieg gewesen wäre, hätte Lisa Marta sogar zur Freundin haben wollen. Denn irgendwie sieht sie auch zu Marta auf. Ihre Stärke beeindruckt sie. In der Oper bricht in Lisa dann in der Tat eine starke Psychose aus, weil sie eklatante Schwierigkeiten hat, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Und das noch dazu in dem Augenblick, als sie ihrem Mann beichtet, dass sie KZ-Aufseherin in Auschwitz war. In diesem Moment kommt alles wieder in ihr hoch. Jetzt muss sie ehrlich zu sich selbst sein. Das ist auch ein Grund für ihre Psychose.  Die Vergangenheit holt sie auf dieser Schiffsreise, wo sie sich nicht verstecken oder wegrennen kann, wieder ein. Die Fahrt auf dem Wasser mit seinem hohen Wellengang wird für Lisa zu einer Reise durch alle Aufs und Abs, bis sie schließlich symbolisch in den Fluten ertrinkt.

OF: Dieselbe knappe Tonfolge ‚d’ - ‚a’ singt Lisa auch beim Übergang des Schiffs- in das Auschwitz-Bild, wenn sie einer Anweisung der Oberaufseherin mit „Zu Befehl“ antwortet. Kann man daraus schließen, dass Befehl und Gehorsam, die ihre Zeit im Konzentrationslager bestimmt haben, auch ihre Ehe mit Walther prägen? Was für ein Verhältnis hat sie zu ihrem Mann?

B: Vielleicht ist diese Art zu antworten einfach eine Gewohnheit von ihr. Ganz zu Beginn beschreibt Walter die Situation, in der sie sich kennenlernten folgendermaßen: „Der Krieg war vorbei und die Welt in Trümmern, und wir waren tanzen, waren tanzen…Zwei Wesen ohne Obdach, rings um uns nahmen wir nichts mehr wahr. Nur die Liebe…Weißt du noch?“ Darauf antwortet Lisa: „Ja, alles. Nur dadurch lebe ich.“ Sie ist ihm dankbar, dass er damals zur ihr gestanden und sie aus ihrer Not errettet hat. Sie kann ihrem schlechten Gewissen und der Erinnerung an ihre bösen Taten nicht entfliehen. Der Alptraum, aus dem Walther sie damals gerettet hat, drängt jetzt auf dem Schiff erneut an die Oberfläche, wenn sie glaubt, in dieser geheimnisvollen Mitreisenden Marta zu erkennen. Auf den ersten Blick mag es vielleicht schon danach aussehen, dass die Ehe der beiden von Befehl und Gehorsam geprägt ist. Ich glaube das aber nicht. Es ist eher ein Versteckspiel, das Lisa hier aufführt, weil sie ihren Mann abgöttisch liebt und große Angst davor hat, dass er etwas über ihre düstere Vergangenheit herausfinden könnte. Sie will ihr wahres Ich nicht preisgeben. Nur weil sie immer nur kurz „Ja, Liebster“ oder „Nein, Liebster“ antwortet, bedeutet das noch nicht, dass ihre Ehe auf einer Befehls- und Gehorsamsstruktur wie der in Auschwitz beruht. Das hat damit nichts zu tun.  

OF: Lisa betont immer wieder mit Nachdruck, dass sie auch in Auschwitz immer ein guter Mensch gewesen sei und liefert dafür mannigfaltige Beispiele. Ist es aber nicht viel eher so, dass sie ein ausgesprochen böser Mensch ist, der sich an Marta für ihren Hass und ihren Starrsinn, wie sie es formuliert, rächen will? Darüber hinaus sagt Katja im zweiten Akt über sie: „Nehmt euch in Acht, besonders vor ihr. Sie tötet, sie tötet aus dem Hinterhalt. Nehmt euch in Acht vor ihr, sie tötet, sie tötet durch andere Hände“.

B: Diese Rechtfertigungen sind sehr menschlicher Natur, gleichsam ein Versuch Lisas, sich selber zu erklären. Sie fragt sich, ob sie wirklich nur böse gewesen ist und erkennt für sich, dass sie es nicht war, weil sie den Häftlingen oft auch geholfen, ihnen z. B. Medizin gegeben hat. Zofia Posmysz selber hat bestätigt, dass Lisa ihr oft beigestanden und ihr sogar das Leben gerettet hätte. Man kann den Menschen nicht als nur gut oder nur böse ansehen. Und in diesem Kontext, wo Lisa Walther krampfhaft anfleht, nicht den Stab über ihr zu brechen, gilt das für sie aus ihrer Perspektive erst recht. Natürlich ist sie darauf aus, sich gegenüber ihrem Mann zu rechtfertigen. Mit der Auflistung ihrer guten Taten versucht sie krampfhaft ihre Menschlichkeit zu beweisen und wieder eine Verbindung zu ihm herzustellen. Die von Ihnen erwähnten Worte Katjas betreffen die fiktive Situation mit dem Brief der Auschwitzer Widerstandsbewegung, den Marta bewusst falsch übersetzt und als Liebesbrief von Tadeusz ausgibt. Dieses Verhalten Martas ist für Lisa ein Verrat an ihrer Freundschaft. Aus diesem Gefühl heraus, dass Marta sie derart zum Narren hielt, sie manipuliert und so auf recht demütigende Weise ihre Autorität untergraben hat, gerät Lisa in Wut und gibt deshalb die Information über Martas schweres Vergehen innerhalb der Befehlshierarchie von Auschwitz weiter. Das hat zur Folge, dass Tadeusz später vor der schwarzen Todeswand hingerichtet wird und Marta in den Todesblock kommt. Was Katja meint, ist, dass Lisa die böse Tat zwar nicht selber begeht, weil sie sich die Hände nicht schmutzig machen will, aber den Befehl dazu gibt. Damit macht sie sich genauso schuldig wie die unmittelbaren Täter und ihr Satz „Ich habe nie jemanden geschlagen“, um nur ein Beispiel zu nennen, wird dadurch nachhaltig relativiert. Hier kann man auch gut einen Bezug zu Ihrer oben gestellten Frage nach den Mitläufern herstellen und fragen, wie sich diejenigen Menschen schuldig gemacht haben, die von den Ermordungen der Juden wussten, aber nichts dagegen unternommen haben.   

OF: Das ist schon eine hoch komplizierte Thematik - genauso komplex wie der Charakter Lisas, in dem Sigmund Freud wohl ein ideales Studienobjekt gefunden hätte. Wie stehen Sie zu Freud und seinen Lehren? Macht deren Integration in eine Opernaufführung diese spannender?

B: Ich bin Sängerin und sehe, was die Musik und der Text mir sagen. So ergründe ich die Psychologie der jeweiligen Rolle. Ich lese Literatur über die betreffende Zeit und versuche mich auf diese Weise der jeweiligen Rolle zu nähern. Eine Freud’sche Analyse der Oper überlasse ich den Fachleuten.

OF: Wie kommt Lisa dazu, von Marta Dankbarkeit zu fordern? Ist das nicht ziemlich pervers?

B: Selbstverständlich. Aber genau das belegt, dass es hier aus der Perspektive Lisas um den Verrat einer Freundschaft geht. Dass Marta sie belogen und den Brief der Widerständler nicht richtig übersetzt hat, hat sie sehr getroffen. Immerhin hat sie ihr ja wirklich geholfen und ihr Essen und Medizin gebracht, als sie krank war. Das ergibt sich zwar nicht aus Weinbergs Oper, aber aus Frau Posmyszs Buch. Lisa hat Marta mithin wirklich auch Gutes getan, das kann man nicht bestreiten. Was die genauen Motive für ihr Verhalten gewesen sind, kann man nur vermuten. Sie kann oder will sich in dem Moment, als sie von Marta Dank fordert, nicht eingestehen, dass sie so gerne ihre Freundschaft gehabt hätte. Aus dem Gefühl des Verratenseins entspringt dieses perverse Verlangen nach Dank. Es ist für sie die einzige Möglichkeit, ihre Enttäuschung über Martas Verhalten zu artikulieren. Da merkt man mal wieder, wie komplex die menschliche Psyche doch ist.

OF: Das alles hat Festspielleiter David Pountney in Bregenz ganz ausgezeichnet auf die Bühne gebracht. Wie war die Zusammenarbeit mit diesem genialen Regisseur?

B: Ganz toll! Er ist wirklich ganz hervorragend mit der Materie umgegangen. Seine Inszenierung war von großer Wahrhaftigkeit geprägt. Er hat mir die Lisa auf eine Weise nahe gebracht, die es mir möglich machte, mit dieser Figur zurechtzukommen. Das Vertrauen, das er mir entgegengebrachte, war das schönste Geschenk, das er mir machen konnte. Er ließ mich bei den Proben einfach spielen und hat nur gelegentlich mal kurze Anweisungen wie „Das ist zuviel“ oder „Das ist zu wenig“ gegeben. Er hat mir erlaubt, mich ganz in die Partie und ihr Seelenleben zu versenken. Aber nicht nur er, wir alle haben uns der Sache mit größtem Respekt und hoher Sensibilität genährt. Oft hatten wir bei der Arbeit Tränen in den Augen. Leicht war diese Geburt nicht.

OF: Wie sah Pountneys szenischer Ansatzpunkt aus?

B: Ihm ging es zuerst einmal darum, ein Übermaß an Klischees zu vermeiden und die beiden Welten des Schiffes und von Auschwitz einfühlsam gegenüberzustellen. Zu diesem Zweck hatte Johann Engels ein wunderbares Bühnenbild geschaffen. Oben befand sich der Ozeansriese, also die Nachkriegswelt, der über der unten angesiedelten dunklen Welt von Auschwitz fast schwebte. Dieses „Schweben“ zwischen dem Hiesigen des Stückes und  der Vergangenheit von Auschwitz war ein weiterer wesentlicher Aspekt der Inszenierung. 

OF: Das Bühnenbild von Johann Engels war wirklich sehr beeindruckend. Der obere Teil, also das Schiff, wurde von einer eigentümlichen Schieflage geprägt. Was wollte Engels damit ausdrücken. Und war es leicht, auf dieser schrägen Konstruktion zu singen?

B: Es ist zuerst einmal ein sehr pragmatischer Grund für den Bühnenbildner, eine Schräge zu schaffen, weil sich auf einer solchen das Geschehen dem Publikum besser präsentieren lässt. Die Zuschauer können auf diese Weise leichter verfolgen und erfassen, was auf der Bühne vor sich geht. Zweitens kann man mit dieser Schräglage selbstredend auch eine innere Verbindung zu der psychologischen Situation der Figuren herstellen und deutlich machen, dass man es hier nicht mit einer ruhigen Fahrt zu tun hat, sondern dass etwas nicht stimmt. Ich hatte keine Probleme, auf dieser schiefen Ebene zu spielen. Als Sängerin muss ich mit verschiedenen Bodenarten umgehen können. Das gehört zu meinem Handwerk.

OF: Die Häftlingsanzüge waren einerseits stark der historischen Kleidung der KZ-Insassen nachempfunden, andererseits wirkten sie etwas verschleiert. Was verbirgt sich hinter dieser Idee von Marie-Jeanne Lecca?

B: Es Stimmt, dass die Kostüme der Häftlinge stark an die damaligen Gefangenenkleider angelehnt waren. Sie hatten indes nicht die gleiche Farbe, weil es Frau Lecca auch um eine leichte Verfremdung ging. Die von ihr angewandte Technik, die die Impression eines Schwarz-Weiß-Photos intendiert, ist es wohl, was Sie Verschleierung nennen. Die Farbe der Häftlingskittel und die Streifen darauf sowie die Anzüge der NS-Offiziere waren historisch aber absolut korrekt nachgebildet.

ZOFIA POSMYSZ ALS AUSCHWITZ-HÄFTLING

OF: Welchen Stellenwert nimmt die Bregenzer Uraufführung der „Passagierin“ in Ihrer bisherigen Karriere ein? War sie deren Höhepunkt?

B: Unbedingt! Sie wird in meiner Karriere stets ein absoluter Fixpunkt bleiben. Dieses Werk ist schon von der Materie her einmalig in der Opernliteratur. Die Lisa zu singen und zu spielen war eine unglaubliche Herausforderung für mich, sowohl physischer als auch psychischer Art, weil sie nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich eine ungeheure Reise durchmacht.

OF: Inzwischen wurde die „Passagierin“ auch vom Badischen Staatstheater Karlsruhe erfolgreich herausgebracht. Im Dezember geht die Bregenzer Produktion mit Ihnen als Lisa nach Houston und wird Ende der Saison auch in New York zu sehen sein. Eine Neuproduktion ist in zwei Jahren in Frankfurt geplant. Glauben Sie, dass sich das Werk im internationalen Opernbetrieb durchsetzen wird? Steht uns vielleicht sogar eine Weinberg-Renaissance bevor? 

B: Ich weiß nicht, ob es jetzt zu einer Weinberg-Renaissance kommt, hoffe aber sehr, dass sich die „Passagierin“ auf den Opernbühnen durchsetzen wird. Die Botschaft, die dieses Werk auf so wahrhaftige Weise vermittelt, ist für die Menschen von heute wieder von immenser Bedeutung, weil die Vorurteile gegenüber Leuten, die hinsichtlich ihrer Religion oder ihrer Rasse anders sind als das Gros, wieder stark zugenommen haben. Die immer stärker werdende Ausgrenzung dieser Menschen ist einfach erschreckend. Man muss ihnen helfen - auch mit den Mitteln der Opernbühne. Deshalb bin ich der Ansicht, dass die „Passagierin“ gleichsam als Mahnung öfters und überall aufgeführt werden sollte, damit man - und genau damit endet das Stück ja auch - nicht vergisst, was damals geschah und solche schreckliche Verhältnisse sich niemals wieder irgendwo etablieren können. Man sollte die „Passagierin“ zum Pflichtprogramm für alle Opernhäuser machen, weil sie ein Unikum in der ganzen Opernliteratur darstellt. Und es ist eine Schande, dass dieses Werk nicht öfters und in größeren deutschen Theatern aufgeführt wird. Ursprünglich sollte es 2015 an der Deutschen Oper Berlin herausgebracht werden, aber aus irgendwelchen Gründen hat die Theaterleitung es abgesagt. Das finde ich feige und verurteile es stark. Gerade in Berlin hätte die „Passagierin“ gespielt werden müssen. Es hätte grandios in den Spielplan dort gepasst. Über ein derartiges Verhalten kann man eigentlich nur sprachlos sein.

OF: Haben Sie eine Vorstellung, was aus Anneliese Franz geworden sein könnte?

B: Nein, leider nicht. Es ist zwar 1960 ein Haftbefehl gegen sie erlassen worden, der aber bis heute nicht vollstreckt wurde. Eine Spur führt indes nach Paris, wo sich Frau Posmysz zu dieser Zeit aufhielt, um einen Bericht für das polnische Radio zu machen. Da hörte sie am Arc de Triomphe auf einmal eine deutsch sprechende Frauenstimme, die genauso klang wie die von Anneliese Franz, was sie sehr erschrak. Vielleicht war das ja wirklich die ehemalige KZ-Aufseherin. Diese Szene brachte alle ihre schrecklichen Erlebnisse in Auschwitz wieder an die Oberfläche und sie erzählte alles ihrem Mann. Er riet er daraufhin, über ihre Erfahrungen in Auschwitz zu schreiben, um auf diese Weise ihre schlimmen Erlebnisse zu verarbeiten. So entstand zuerst ein Radiohörspiel mit dem Titel „Die Passagierin von Kabine 45“ sowie später der Roman „Die Passagierin“. Es ist sehr interessant, dass Frau Posmysz darin die Geschichte aus der Perspektive der Täterin erzählt. Die Handlung ist als ein Versuch der Opfer zu begreifen, zu verstehen, wie ein anderer Mensch ihnen etwas so Schreckliches antun konnte.

OF: In Karlsruhe war es ein ganz erhabener Augenblick, als Frau Posmysz nach der dortigen deutschen Erstaufführung der „Passagierin“ im vergangenen Mai gemeinsam mit der Sängerin der Marta vor den Vorhang trat, das Auditorium sich scharenweise von seinen Sitzen erhob und sie mit äußerst herzlichem Beifall bedachte. Genau dieselbe Szene hat sich damals in Bregenz abgespielt. Was haben Sie dabei gefühlt? 

ZOFIA POSMYSZ UND ENSEMBLE

B: Das kann man kaum in Worte fassen. Da herrschte nach der Premiere so eine Stille im Bregenzer Festspielhaus, dass man sie schneiden konnte. Das Publikum war sehr betroffen. Wir waren beim Schlussapplaus alle dermaßen gerührt, dass man das unmöglich beschreiben kann. Und als Frau Posmysz dann die Bühne betrat, entlud sich eine Begeisterung der Besucher, die seinesgleichen suchte. Ich saß danach noch eine ganze Stunde lang allein in meiner Garderobe und versuchte mich nach dieser Aufführung, die eine unheimliche emotionalen Anstrengung für mich war, zu fassen. Anschließend habe ich mit Frau Posmysz noch lange zusammengesessen und mit ihr gesprochen. Aber das erwähnte ich ja bereits. Auf meine Frage, was sie Anneliese Franz sagen würde, wenn sie ihr heute wiederbegegnen würde, hat sie geantwortet, dass sie ihr danken würde, weil sie ihr Leben gerettet hat. Dabei habe ich eine so große Ruhe und Gelassenheit in ihr gespürt, dass es mich zu Tränen rührte. Sie ist eine Frau, die gelernt hat, zu verzeihen.

OF :Vielen herzlichen Dank für das Interview

 

Ludwig Steinbach, 24. 9. 2013

 

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