DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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Interview mit Anja Silja

am 1. September 2015 in Herrsching am Ammersee

Am ersten Tag im September und bei strömendem Regen auf die Minute genau zum Herbstanfang am schönen bayerischen Ammersee, lud die AMMERSEErenade ins Kurparkschlösschen an der Uferpromenade von Herrsching ein. Keine geringerer Gast als Anja Silja, bejubelte Opernikone auf der ganzen (Opern)-Welt und insbesondere in den 1960er Jahren in Bayreuth, stellte sich den Fragen von Publizist Prof. Dr. Jens Wendland, dem ehemaligen SFB-Hörfunkdirektor. Der junge russische Pianist Juri Gontscharov, Mitglied der renommierten Derschavin Akademie, Träger der Leo Tolstoi Medaille und des Ordens „Katharina die Große“ sorgte für die erstklassige und das zahlreich erschienene Publikum begeisternde musikalische Untermalung.

Es ging gleich los mit Anja Siljas Feststellung, nachdem sie klargestellt hatte, dass sie bereits 65 Jahre Bühnenpräsenz hinter sich hat und wohl die letzte aus dem sog. Neubayreuth ist, dass sie alles genauso noch einmal machen würde, auch in einem (potenziellen) nächsten Leben. Ab sechs Jahren hatte sie immer gesungen, konnte mit 10 Jahren alle Wagnerpartien auswendig und wurde als Kriegskind mit nur einem Jahr Schule von ihrem Großvater gebildet und ausgebildet. Ihm ist sie für alles dankbar, was sie daraufhin geworden ist. Mit 11 bis 13 Jahren sang sie nach ihrem Erstauftritt mit 10 Jahren in einem Konzert im Titania-Palast in Berlin bereits in mehreren europäischen Städten und wurde mit 15 am Theater Braunschweig für die Zerbinetta und Micaela engagiert. Silja legte Wert darauf festzustellen - was ohnehin sensationell ist - dass es eine Ausnahme sei, mit 15 schon auf der Bühne eines Opernhauses zu stehen. Astrid Varnay beispielsweise habe ihre erste Rolle mit 18 gesungen.

Mit allgemeinem Amüsement begleitet gab Silja zu Gehör, dass sie mittlerweile alle ihre Kritiker überlebt habe, deren es ja nicht wenige gab. Ganz wichtig war ihr festzuhalten, dass sie immer rollengerecht gesungen habe. Man solle Wert darauf legen, auf diese Weise passende Rollen zu verkörpern. So sang sie mit 21 die erste Isolde in Brüssel und die Elektra. Bis zur Emilia Marty und zur Pique Dame ist sie diesem Rollenverständnis treu geblieben und sieht darin eine Ausnahmestellung in ihrem Beruf. Wieland Wagner in Bayreuth bezeichnete sie mit 24 bereits zu den „alten Damen“ des Musiktheaters gehörig. Erst mit 40 Jahren sang sie ihre erste Ortrud. Koloraturen habe sie aber nie geschätzt, sie hält sie für artifiziell. Es ging ihr auch gar nicht nur um das Singen an sich. Schöngesang hat sie nieinteressiert. Die Gestaltung der jeweiligen Rolle, das interessierte sie am Theater, die Darstellung der Figur. Sawallisch war offenbar dagegen, sagte aber nach einer gewissen Zeit: „Versuchen wir es mal mit der Lolita.“ So hält sie auch nicht viel vom Liedgesang und meint, dass nur wenige ganz große Sängerinnen das mit Erfolg gemacht haben.

In Bayreuth zog sie Wieland Wagner an, er war der Hauptgrund, warum sie dorthin ging. Mit ihm hat sie in den letzten sechs Jahren seines Lebens noch 34 Inszenierungen gemacht. Er wurde zur zentralen Figur ihres Lebens. „Alles, was er sagte, war ein Evangelium.“ Auch wenn sie den „Fliegenden Holländer“ wegen seiner Nummernhaftigkeit nie schätzte, wurde genau diese Oper Richard Wagners ihre Schicksalsoper. Denn mit der Senta debütierte sie unter Wieland Wagner in Bayreuth und bekam danach von ihm den berühmten Beinamen „Kindertrompete“. Dennoch „Ich war immer emanzipiert“ stellte Anja Silja fest, und so habe sich Wieland Wagner auch durch sie verändert. Man wagte Wieland Wagner nicht zu widersprechen, aber bei der Einstudierrung der Lulu 1966 hat sie ihm widersprochen. „Ich sang immer mein eigenes Leben“ betont sie mit dem Ton voller Überzeugung, und man glaubt es Silja sofort. Auch André Clytens spielte in ihrem Leben als Partner eine Rolle, der nur ein Jahr nach Wieland starb. Nach dessen Tod 1966 dachte sie sogar ans Aufhören. Dann ging es aber weiter, und die Emilia Marty in der „Sache Makropoulos“ sang sie dann in sechs Inzenierungen. Die Brüssler Produktion mit ihr erlebte auch der Autor. Die Zusammenarbeit mit Günther Rennert bei diesem Werk war für sie von großer Bedeutung, und Vaclav Neumann hat sie sehr bewundert. Nach Wieland Wagner faszinierte sie am meisten Robert Wilson, aber sie schätzte auch die Zsammenarbeit mit Ruth Berghaus.

Anja Silja ist nicht neugierig, und so reist sie in keine Stadt, in der nicht ein Opernhaus steht. In Bayreuth ist für sie heute vor allem das Festspielhaus von Bedeutung. Zur aktuellen Aufführungsästhetik und den Sängern und Sängerinnen, die derzeit dort auftreten, hat sie kaum etwas Gutes zu sagen. „Die goldene Zeit war Wieland Wagner!“ Er war damals auch die Anziehunskraft für die Sänger. „Heute wollen sich die ganz großen Sänger nicht über sechs Wochen einem Regisseur aussetzen“. Man lerne heute auch in Bayreuth nichts mehr. Zudem kann man heute auch Wagner an vielen andern Häusern sehen, das war damals nicht so. „Heute macht ja jede Klitsche den „Ring“!“ In Bayreuth hingegen gab es damals ein Ensemble von Weltstars, aber sie haben sich nicht als Weltstars gefühlt - und sie konnten dort, nicht zuletzt von Wieland Wagner, auch sehr viel lernen. So stört Anja Silja auch der Starrummel, der heute um erstklassige Sänger gemacht wird: „Ich finde das ganze Getue und Gedöns mit den Starrummel zum Kotzen“ stellt sie in verblüffender Direktheit fest. Sie nennt hingegen Elisabeth Kulman als eine echte Persönlichkeit. Sie hatte sie einmal in einer Oper erlebt, die dann für Silja erst los ging…

Anja Silja stellt abschließend fest, dass sie seit 20 jahren allein lebt und auch gern allein ist. Sie unterstreicht das gute Verhältnis zu ihren drei Kindern von Christoph von Dohnányi und freut sich über ihre Enkel. Das scheint die Phasen des Alleinseins offenbar wohltuend zu unterbrechen. Von facenbook hält sie jedenfalls nicht – wer hätte das gedacht?!

Das Publikum war von der oft witzigen Unterhaltung mit Siljas Schlagfertigkeit regelrecht begeistert, und so musste die Wagner-Ikone noch eine ganze Menge an Autogrammen geben. Das tat sie mit großem Verständnis und Geduld, erst recht, nachdem ein Fan ihr ein Bier ausgab...

Klaus Billand 7.9.15

 

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